Erleuchtung? Ab in den Pub! PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Tuesday, 30 August 2016 13:37


Eine sehr liebe und ansonsten hoch patente Freundin hat mir gerade ein Buch geschickt: „Instant Erleuchtung“. Von David Deida. Ich muss offenbar irgendwie neu belichtet werden. Vielleicht so ähnlich, wie ein altes vergilbtes Foto aus den 70er Jahren, das man vom Negativ noch mal neu abziehen muss?

Oder vielleicht ist ihr auch nur mein Gejammer auf die Nerven gegangen, zum Beispiel darüber, dass in Köln tagelang in großen Teilen von Braunsfeld kein Internet oder Telefon funktionierte und Netcologne nur reagiert mit „Ma weees es nit, ma wees es nit!“.

Oder auch darüber, dass sie mir vergangene Woche im Zug von Frankfurt nach Stuttgart den Koffer gestohlen haben. Schuhe weg, Klamotten weg, Bücher weg – aber nichts, was ein bisschen Erleuchtung nicht beheben könnte, wie der moderne Mensch zu glauben beliebt.


Sicher wieder in Irland angekommen, beginne ich also in Deidas Ausführungen zu lesen:

„Wenn die Liebe keinen Weg findet, durch Sie zu leben, dann leidet Ihre Seele und sie werden unter Umständen von Depressionen heimgesucht.“

Schon mal ganz falsch. Wenn das Internet in Köln keinen Weg zu mir findet, leidet mein Job … und das macht mich sauer. Und die Kollegen auch.


„Verhalten Sie sich so, wie Sie sich fühlen würden, wenn Sie alles hätten, was Sie sich wünschen, oder ignorieren Sie Ihre Wünsche, denn sie machen sie sowieso nicht glücklich.“

Auch falsch. Ich hätte fast alles, wenn man mir nicht den Koffer klauen würde und wäre deutlich glücklicher, wenn ich meine Lieblingssandalen noch mein eigen nennen könnte.


Also, so wird das nichts mit mir und der Erleuchtung.

Aber zum Glück bin ich wieder zu Hause in Irland und kann ins Pub gehen.


Crown Belfast


Da überkommt mich die positive Grundhaltung schon, wenn ich vor der Tür das Schild sehe:

„Soup of the day: Whiskey.“

Und neben der Türe einen Katzenklappe, über der ein Schild prangt: „Little People“.

Das ist jetzt keine Verarschung besonders kurz geratener Mitbürger, sondern eine Tür für das Feenvolk. Die sollen ins Pub kommen dürfen, egal ob gerade Sperrstunde ist oder nicht. Feen werden hier nämlich ernst genommen. Fast so ernst wie der Humor.


Am Tresen gibt es Instant-Erleuchtung gratis zum Kaltgetränk. Jeder leicht angetrunkene Paddy, der neben dir steht, hat nämlich eine Meinung zu allem und jedem - und auch keine Skrupel, dieselbe zum Besten zu geben. Frag ihn irgendwas und du bekommst deine Gesprächstherapie für kleines Geld, den Gegenwert von einem Guinness.


Beach Bar


Essen wird auch serviert, was will man mehr? In der Beach Bar, unserem Lieblingspub am Strand von Aughris Head, gibt es sogar jeden Tag eine andere Art von „potatoes of the day“. Fish of the day kann schließlich jeder.

Meistens ist das Kartoffelpüree und wenn nicht das, dann sind es Fritten. Sehr übersichtlich und geradezu erleuchtet.


Derart gestärkt, therapiert und gesättigt, steigt dann auch mein Verständnis für Herrn Deida Ideen: „Lockern Sie die Verspannung um Ihr Herz und öffnen Sie sich entspannt für diesen Wahrnehmungsraum, eine endlose Sphäre des Fühlens...“ Sag ich doch, geh ins Pub!



Last Updated on Tuesday, 30 August 2016 13:47
 

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