Kartoffeln PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Thursday, 05 October 2017 09:14


Kartoffeln



Die Russen gedenken in diesen Tagen der Oktoberrevolution, die Schweden vergeben den Nobelpreis für Literatur, die Briten haben ihren „Movement Day“, an dem christlich gestimmte Arbeitgeber was tun sollen für ihre Mitarbeiter (wir in Deutschland haben für so was Gewerkschaften). Aber das ist alles nichts im Vergleich zu der Bedeutung der Feierlichkeiten in Irland: Wir zelebrieren am 6. Oktober den National Potato Day und damit die Tatsache, dass 96,6 Prozent der irischen Haushalte regelmäßig Kartoffeln essen. Und zwar gleich 85 Kilo pro Kopf und Jahr – wo der Rest der Menschheit in Europa doch schon nach schlappen 33 Kilo pro Kopf und Jahr die Schnauze voll hat.


Jedes irische Pub, das auf sich hält, serviert Kartoffeln, manche haben sogar „potato of the day“ auf der Karte stehen – meist entweder Pommes oder Püree. Soll noch einer sagen, die Iren hätten keine Fantasie beim Kochen.

Auf der Website des Ernährungsministeriums (so was gibt’s und heißt Board Bia) finden sich gleich 120 Kartoffelrezepte.


Vermutlich hängt die nationale Faszination mit Kartoffeln damit zusammen, dass es eine Zeit lang keine gab, was geschätzt eine Million Iren das Leben kostete, etwa 12 Prozent der Gesamtbevölkerung. Zwei weiteren Millionen gelang die Flucht nach England, USA, Kanada oder Australien. Die Rede ist natürlich von der „Famine“, den Hungerjahren zwischen 1845 und 1850, als die Kartoffelfäule Jahr um Jahr die Ernte zerstörte und den britischen Landesherren eine Ausrede verschaffte, die Bauern, die ihre Pacht nicht zahlen konnten, von ihrem Land zu jagen. Wer will schon Kartoffelbauern, wenn er Schafe haben und Wolle für den Manchester Kapitalismus und die Textilmühlen in England produzieren kann? Die Iren bekamen nicht nur keine Hilfe von London, sondern mussten hilflos mit ansehen, wie die britische Besatzungsmacht tonnenweise irische Lebensmittel exportierte. Oder wie es die Leute seinerzeit ausdrückten: „Der Allmächtige sandte die Kartoffelfäule, aber die Engländer schufen die Hungersnot.“


Im August 1847 waren drei Millionen Menschen von öffentlichen Suppenküchen abhängig, im September 1847 wurde die Hungersnot für beendet erklärt und die staatliche Kreditvergabe an die Suppenküchen eingestellt. Die Initiative dazu ging vom britischen Schatzamt aus. Das hielt die Hungersnot für eine direkte Folge der „allwissenden und barmherzigen Fürsorge“, die die Katastrophe nur verlängern würde. 1848 und 1849 fiel die Kartoffelernte erneut aus.

Kleines Wunder also, dass die Iren ihre Kartoffel lieben und ihr einen eigenen Feiertag einräumen. Steht die Knolle doch auch dafür, 800 Jahre englische Fürsorge überlebt zu haben.

Herzlichen Glückwunsch, Irland!

Last Updated on Thursday, 05 October 2017 09:18
 

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