„...und vor der Tür nichts als Schafe“


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Written by Bierach   
Friday, 20 July 2018 18:01

Der Irland-Blog "Und draußen nichts als Schafe..." ist umgezogen auf www.bierach.com

Last Updated on Friday, 20 July 2018 18:03
 
Nationale Krise: Sonnenschein! PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Monday, 11 June 2018 15:24

GartenMai 18



In Irland hat es seit glorreichen drei Wochen nicht geregnet. Sogar hier an der Westküste erreicht das Thermometer 25 Grad. Was ist ein Bikini? und: Wo sind jetzt die Sandalen aus dem Spanischunterricht? sind die Fragen, die das Tagesgeschehen bestimmen. Tatsächlich ist ein hartnäckiges Hoch hier so ungewöhnlich, dass sich in die Begeisterung der Einheimischen inzwischen Sorge mischt: Wie gießt man einen Garten? Wird aus der grünen Insel jetzt eine braun vertrocknete? Muss das Touristenbüro die Kampagne anpassen? Und schlimmer noch: Ändert sich der Nationalcharakter? Denn wie historisch Interessierte wissen, hat sich das Blatt der Iren noch nie gewendet, weil gutes Wetter ausbrach. Vielmehr formten Stürme und Unwetter das Geschick der Insulaner, wie die neue „Cambridge History of Ireland“ erläutert. Vereinfacht lässt sich sagen: Nahezu alles, was in Irland etwas taugt, ist dem Regen geschuldet.


Schon anno domini 540 gab es zehn sonnenlose Sommer hintereinander, vermutlich ausgelöst durch einen Vulkanausbruch anderswo. In diesem endlosen Winter wurden auf der ganzen Insel neue Klöster gebaut, die Irland zu einem Leuchtturm des Wissens, der Kultur und Bildung machten. Die unglaublich schön bemalten alten Manuskripte in der Library des Trinity College in Dublin sind heute noch stille Zeugen für die intellektuelle Produktivität, die schlechtes Wetter auslösen kann.


1315 kamen die Schotten über das Meer, um im irischen Kells die Engländer zu besiegen. Die Iren waren begeistert von dieser Idee und wollten Edward de Bruce, den Anführer der Schotten, eigentlich zu ihrem High King machen. Dann hat es allerdings zwei Jahre lang quasi ununterbrochen geregnet. Diese Klimakatastrophe brachte Edwards Feldzug zum Erliegen: Dieser frühe Versuch die gälische Selbstherrschaft wiederzuerlangen, ersoff im Schlamm.


Ein Ergebnis war das Sprichwort, das es kein schlechtes Wetter gibt, sondern nur ungeeignete Kleidung. Ein weiteres die Entstehung des irischen Vielzweck-Mantels, über den der englische Dichter Edmund Spenser schrieb: „Er ist das Haus der Iren, ihr Zelt, ihr Sofa und ihr Schild. Im Sommer tragen sie ihn lose, im Winter wickeln sie sich darin ein.“ Die Engländer hatten nichts vergleichbar Intelligentes anzuziehen und daher oft schlechte Karten im Umgang mit den Iren. So scheiterten Elisabeth I Versuche, die aufmüpfigen Nachbarn endgültig zu unterwerfen, mehrfach am schlechten Wetter.


Ähnlich erging es der spanischen Armada. Die Briten wollen das nicht hören, aber die Stürme über Irland trugen mehr zum Sieg der Engländer über die Iberer bei als Walter Raleighs gesamte Flotte. Einige spanische Schiffe wurden danach hier bei uns um die Ecke an der Westküste an Land gespült. Bis heute haben viele Irinnen rabenschwarzes Haar, was der Legende nach auf die Latin Lovers und ihr genetisches Material zurückgehen soll.


1688 dann blies ein „von Gott gesandter protestantischer Wind“ den niederländischen Wilhelm von Oranien von Osten her auf den englischen Thron. Der selbe Wind, der den irischen Truppen ins Gesicht blies, die eigentlich nach England hinüber segeln wollten, um den katholischen King James zu unterstützen.


Hundert Jahre später wollte der irische Freiheitskämpfer Theobald Wolfe Tone die französische Revolution nach Irland tragen, en passant die Engländer besiegen und Irland als Brückenkopf nutzen, um nun seinerseits die Briten zu unterwerfen. Da saß er nun mit 15.000 Mann und ein paar Dutzend Schiffen in Brest und sah dem schlimmsten Winter in hundert Jahren dabei zu, wie er seine Schiffe zu Kleinholz zerschlug. Endlich – am Weihnachtstag 1796 – ließ der Sturm nach und was von Wolfe und seinen Männern übrig war, stach in See. Auf halbem Weg allerdings packte sie eine üble Flaute und der Eroberungsmut erschlaffte genauso wie die Segel am Mast. Damit starb der letzte vom europäischen Kontinent ausgehende Versuch, die Engländer aus Irland zu vertreiben.


Der aus deutscher Sicht wohl wichtigste Wetterbericht für Irland kam allerdings am 4. Juni 1944 aus Blacksod Bay im County Mayo. Postbote Ted Sweeney kabelte nach London und warnte vor einer Kaltfront über Irland mit Windstärke sieben. Hätte dieser Sturm die alliierten Truppen im Englischen Kanal erwischt, wäre der Krieg womöglich anders ausgegangen. Sweeney jedoch meldete sodann eine kurze Phase der meteorologischen Ruhe, General Eisenhower verlegte den D-Day um 24 Stunden und der Rest ist Geschichte – genau wie das Dritte Reich.


In Irland zu leben und sich über das Wetter zu beklagen, ist also nicht nur nutzlos, sondern auch unklug. So ertragen wir nun eben die paar Wochen Sommer, denn: der nächste Regen kommt bestimmt!

Last Updated on Monday, 11 June 2018 15:42
 
Der Windsor-Knoten PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Tuesday, 01 May 2018 11:22

Royal Wedding



Weil wir vor lauter Romantik das Warten bis zum 19. Mai kaum noch aushalten können, haben wir schon einmal einen Harry-und-Megan-Teller beim Royal Collection Trust bestellt. Mit Goldrand. Die Prince Harry Royal Wedding Commemorative Porcelain Doll ist nämlich leider schon ausverkauft.

Tying the knot, sagen man auf Englisch, wenn zwei heiraten und bald steht uns ein neuer Windsor-Knoten bevor. Prince Harry heiratet Megan Markle und die irische Presse scheint sich nicht hundert Prozent sicher zu sein, ob er nun ein amerikanischer TV-Star Princess of England wird, oder die deutsche Kanzlerin. Aber das sind aus irischer Sicht nachrangige Details. Die Windsors sind eh alles Deutsche. 1714 kam die Linie der Stuarts auf dem britischen Thron zu ihrem Ende und seither regieren in London die Hannoveraner. (Nicht die Pferde, auch wenn sie so aussehen, sondern das Prinzengeschlecht!) Die ollen Mountbattens, die sich zur Party einfinden werden, sind alles Battenbergs.

Harry ist der sechste in der Thronfolge, was eigentlich nur eine gute Beschreibung ist für einen, der auf einer Party drauf wartet, dass das einzige Klo endlich frei wird. Die Nase vorn haben Vater Prinz Charles und Bruder William – das ist der mit Kate und der Glatze – und seine inzwischen drei königlichen Kinder.

Geheiratet wird in St. George's Kapelle in Windor Castle, Megan wird in der Glaskutsche von George V anreisen und Harry ein Outfit anhaben wie Jack Sparrow in den „Pirates of the Carribean.“ Der heilige St. George war übrigens ein Irrer, der seinerzeit eine vom Aussterben bedrohte Groß-Echse erschlagen hat; über die Zeremonie wacht das Familienwappen der Queen: darauf sind ein Löwe und ein Einhorn zu sehen. Insgesamt ein schönes Sinnbild für eine Hochzeit: Mit ein bisschen gutem Willen und Phantasie kann man sich alles schönreden, auch einen Artenvernichter als Nationalheiligen, die Fabelwesen aus der Imagination geisteskranker Vorfahren sowie ein Leben als Royal Highness.

Immerhin darf Harry jetzt heiraten, wen er mag. Heinrich VIII musste dafür noch eine eigene Religion gründen und einen Henker beschäftigen. Harry wird sich auch wieder scheiden lassen dürfen, wie er mag, das hat Frau Mama Lady Di durchgesetzt. Soll noch mal einer behaupten, die königliche Familie sei nicht fortschrittlich.

Die Royals haben viele Feinde, nicht nur die IRA, frotzeln die irischen Medien: Die Paparazzi, den deutschen Kaiser, Kates Schwester Pipa Middleton, Labourführer Jeremy „die rote Pest“ Corbyn und die burgunderroten EU-Pässe. Zum Glück gibt es jedoch die Beefeater mit den hohen Mützen aus Bärenfell, die dafür sorgen werden, dass keiner der genannten Fieslinge dem Paar die Show stehlen wird.



Last Updated on Tuesday, 01 May 2018 11:24
 
Zeit ist elastisch PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Tuesday, 24 April 2018 15:50

Aran 1



Der junge Mann lehnt entspannt im Türrahmen der Aran Island Ferry und guckt den Passagieren auf dem Achterdeck beim Grünwerden zu. Die Sonne scheint, der Himmel ist tiefblau, aber es bläst schon seit Tagen und die Welle ist entsprechend eindrucksvoll. Was im Hafen von Rossaveal noch wirkte wie ein perfekter Tag für eine Fährenfahrt, entpuppt sich auf halben Weg zur größten der drei Aran Islands für so manch einen Touristenmagen als Herausforderung. Der junge Mann und ich gehen in Deckung, wissen wir doch aus Erfahrung, dass die allermeisten Landratten erst aus Erfahrung lernen, dass man sich an Bord besser nicht gegen den Wind erbricht.

Das Schiff bockt wie ein Jahrmarkts-Fahrgeschäft auf dem Oktoberfest. Ein junges Mädchen findet das lustig und hüpft an der Reling auf und ab. Als würde die Zeit kontraktieren, steht erstaunlich schnell der junge Mann neben ihr und knurrt: Keep your feet on the ground! Don't you go overboard!“ Wiegenden Schrittes elegant die Wellenbewegung ausgleichend, nimmt er seine alte Stellung im Türrahmen wieder ein.


Der Kerl ist Profi, keine Frage. Und hat überhaupt keine Lust, unbeaufsichtigte Kinder aus der See zu fischen. So was bringt den Fährenfahrplan durcheinander.

Wir grinsen uns an und ich frage: You do this for a living?“

“Yep“, sagt er. „Swapped fishing for the ferries about 11 years ago.“

So jung wie er aussieht, muss er mit 13 oder so mit dem Fischen angefangen haben.

“It's an easier life, I suppose”, sage ich.

“And mosts tourists smell better than fish.” Dann deutet er mit dem Kinn auf einen Ami, der inzwischen begriffen hat, dass es sich mit dem Wind komfortabler erbricht. “At least at the beginning of the trip.”


Unsere Wahrnehmung und die Realität sind nicht dasselbe. Sonnenschein bedeutet nicht, dass das Meer friedlich ist. Wind, der dir ins Gesicht bläst, ist nicht immer erfrischend. Ein junger Mann, der aussieht, als gehöre er noch in die Schule, mag alt genug sein, um schon mehr als eine Dekade lang auf dem Meer gearbeitet zu haben.


Und Zeit ist nicht überall gleich, sondern vielmehr elastisch. Sie vergeht am Meer langsamer als in den Bergen. Das lässt sich heute mit Präzisionsuhren messen: Schon ein paar Meter Höhenunterschied machen sich bemerkbar. Nicht nur die Zeit verlangsamt sich am Meer, alle Prozesse tun das. Zeit ist tatsächlich elastisch: Wer auf Meereshöhe bleibt, lebt langsamer und altert auch langsamer als einer, der in Höhenlagen herumturnt.


Was Einstein schon vor 100 Jahren wusste, lässt sich heute mit Technologie beweisen, wie der Physiker Carlo Rovelli in seinem lesenswerten Buch “The Order of Time” darlegt. Wer jedoch keine Lust hat auf Instrumente und Labors, kann auch ein Boot auf die Aran Islands nehmen. Hier bestimmt das Meer so sehr das Leben, dass die Zeit gänzlich stehen geblieben zu sein scheint. Seit 3000 Jahren steht auf den Klippen das Fort Dun Aengus, die Menschen sprechen Gälisch wie von Alters her und im Pub dauert es noch ein wenig länger als auf dem Festland, bis das Guinness endlich im Glas ist. Noch immer schichten die Bauern Steine zu Mauern auf, um ihr Vieh vor dem Wind zu schützen, der bläst wie eh und je. Auf Inish Mor gibt einen Supermarkt, einen Bankautomaten, ein Geschäft für die typischen Wollpullis der Inseln, zwei Pubs, zwei Hotels und ein paar B&Bs. Die beiden kleineren Nachbarinseln können nicht mit soviel Service dienen. Nur Zeit und Anti-Aging gibt’s hier zusammen mit jodhaltiger Luft im Übermaß.


Aran 2



Last Updated on Tuesday, 24 April 2018 15:52
 
Das Glück der Iren PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Monday, 02 April 2018 13:45

Das Glück der Iren

Schon mal was vom „Luck of the Irish“ gehört? Dem irischen Glück? Letzteres ist nicht wirklich Glück, sondern mehr eine Lebenseinstellung, die sich immer dann manifestiert, wenn etwas schief geht. Ein Beispiel: Ich laufe durchs hohe Gras, übersehe einen abgebrochenen Ast, stolpere und falle... mitten in einen Kuhfladen. Stinkend wieder zu Hause angekommen, beschwere ich mich bei Ole Hubby: „Ausgerechnet heute, wo ich meine nagelneue Hose anhabe!“ Sagt der Hubby: „Irish Luck! Immerhin hast du eine Hose!“

Iren haben kein Glück, dafür aber Humor und Whiskey. Das brauchen sie auch, denn in diesem Land geht immer alles schief. Der Besuch von St. Patrick im fünften Jahrhundert endete in einem tyrannischem Katholizismus, der das Land nahezu lahmlegte. Die Reformation führte zu endloser britischer Besatzung und die Befreiung von diesem Joch erst in einen Bürgerkrieg und dann zu einem gespaltenen Land. Die Kartoffelfäule endete in einer der schlimmsten Hungersnöte, die das moderne Europa je gesehen hat. Alles zusammen sorgte für einen Exodus. Inzwischen leben mehr Iren im Ausland als auf der grünen Insel.

Schließlich kam die EU und mit dem Geld aus Brüssel ein wenig Wohlstand. Die wütenden jungen Männer in Nordirland hatten plötzlich Jobs, heirateten, bekamen Kinder und nahmen Hypotheken auf. Der Nachwuchs der IRA war plötzlich mit Häuschen- statt Bombenbauen beschäftigt und so entstand das Karfreitagsabkommen: Frieden in Nordirland. Dieses Projekt droht nun mit dem Brexit Großbritanniens wieder böse auszugehen, schließlich hat Irland als einziges EU-Mitglied eine Landgrenze mit den Briten und viel zu verlieren. Mindestens an Handelsvolumen, maximal den Frieden in Belfast. Denn wenn die EU-Gelder in Nordirland ausbleiben und London sie nicht ersetzen kann, weil die britische Wirtschaft leidet und mit ihr das staatliche Budget, könnte es wieder eine Generation wütender junger Männer geben. Keine Subventionen, keine Jobs und auch keine Hypotheken. Gebaut werden dann wieder nur noch Bomben. The luck of the Irish.

Wer Kummer hat, hat auch Schnaps. Traditionell ist der Trost der Iren in schwierigen Situationen ein guter Witz und ein Glas Whiskey zur Stärkung der Nerven. Und schwierig ist es hier wie gesagt immer.

Leider sind die Iren jedoch auch beim Schnapsbrennen nur zweiter Sieger. Die Schotten sind 1000 mal erfolgreicher im Herstellen und vor allem Vermarkten des goldenen Stöffchens. Hier im irischen Nordwesten zum Beispiel hat es seit 100 Jahren keinen reinen „pot still“ Whiskey gegeben – und es mussten erst drei Amis auftauchen, damit sich das ändert.

Seit 2016 gibt es die Connacht Whiskey Company am River Moy in Ballina, bei uns um die Ecke. Meister-Distiller Robert Cassell stammt aus Philadelphia, das Geld vom ehemaligen Chef von Remy Cointreau USA, Tom Soren und von JP Stapleton, dem ehemaligen Chairman des National Alcohol Beverage Control Board – ebenfalls USA. Doch auch das ist das Glück der Iren: Weil so viele von ihnen auswandern, haben unendlich viele Briten, Amis, Kanadier und Australier irische Wurzeln. So auch das Kernteam hinter Connacht Whiskey.

Ihre Ware sitzt noch im Fass – darf sich Schnaps doch erst Irish Whiskey nennen, wenn er mindestens drei Jahre gelagert wurde. Einstweilen gibt es Gin, Wodka und Poitin. Letzteres ist eine Verneigung vor dem Zeug, das die Iren unter der britischen Besatzung in den Bergen schwarz gebrannt haben. Denn letztlich ist das die Geisteshaltung, die Irish Luck ausmacht: Glück muss man sich selber machen. Sonst tut es nämlich keiner.

Last Updated on Monday, 02 April 2018 13:51
 
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