„...und vor der Tür nichts als Schafe“


Zeit ist elastisch PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Tuesday, 24 April 2018 15:50

Aran 1



Der junge Mann lehnt entspannt im Türrahmen der Aran Island Ferry und guckt den Passagieren auf dem Achterdeck beim Grünwerden zu. Die Sonne scheint, der Himmel ist tiefblau, aber es bläst schon seit Tagen und die Welle ist entsprechend eindrucksvoll. Was im Hafen von Rossaveal noch wirkte wie ein perfekter Tag für eine Fährenfahrt, entpuppt sich auf halben Weg zur größten der drei Aran Islands für so manch einen Touristenmagen als Herausforderung. Der junge Mann und ich gehen in Deckung, wissen wir doch aus Erfahrung, dass die allermeisten Landratten erst aus Erfahrung lernen, dass man sich an Bord besser nicht gegen den Wind erbricht.

Das Schiff bockt wie ein Jahrmarkts-Fahrgeschäft auf dem Oktoberfest. Ein junges Mädchen findet das lustig und hüpft an der Reling auf und ab. Als würde die Zeit kontraktieren, steht erstaunlich schnell der junge Mann neben ihr und knurrt: Keep your feet on the ground! Don't you go overboard!“ Wiegenden Schrittes elegant die Wellenbewegung ausgleichend, nimmt er seine alte Stellung im Türrahmen wieder ein.


Der Kerl ist Profi, keine Frage. Und hat überhaupt keine Lust, unbeaufsichtigte Kinder aus der See zu fischen. So was bringt den Fährenfahrplan durcheinander.

Wir grinsen uns an und ich frage: You do this for a living?“

“Yep“, sagt er. „Swapped fishing for the ferries about 11 years ago.“

So jung wie er aussieht, muss er mit 13 oder so mit dem Fischen angefangen haben.

“It's an easier life, I suppose”, sage ich.

“And mosts tourists smell better than fish.” Dann deutet er mit dem Kinn auf einen Ami, der inzwischen begriffen hat, dass es sich mit dem Wind komfortabler erbricht. “At least at the beginning of the trip.”


Unsere Wahrnehmung und die Realität sind nicht dasselbe. Sonnenschein bedeutet nicht, dass das Meer friedlich ist. Wind, der dir ins Gesicht bläst, ist nicht immer erfrischend. Ein junger Mann, der aussieht, als gehöre er noch in die Schule, mag alt genug sein, um schon mehr als eine Dekade lang auf dem Meer gearbeitet zu haben.


Und Zeit ist nicht überall gleich, sondern vielmehr elastisch. Sie vergeht am Meer langsamer als in den Bergen. Das lässt sich heute mit Präzisionsuhren messen: Schon ein paar Meter Höhenunterschied machen sich bemerkbar. Nicht nur die Zeit verlangsamt sich am Meer, alle Prozesse tun das. Zeit ist tatsächlich elastisch: Wer auf Meereshöhe bleibt, lebt langsamer und altert auch langsamer als einer, der in Höhenlagen herumturnt.


Was Einstein schon vor 100 Jahren wusste, lässt sich heute mit Technologie beweisen, wie der Physiker Carlo Rovelli in seinem lesenswerten Buch “The Order of Time” darlegt. Wer jedoch keine Lust hat auf Instrumente und Labors, kann auch ein Boot auf die Aran Islands nehmen. Hier bestimmt das Meer so sehr das Leben, dass die Zeit gänzlich stehen geblieben zu sein scheint. Seit 3000 Jahren steht auf den Klippen das Fort Dun Aengus, die Menschen sprechen Gälisch wie von Alters her und im Pub dauert es noch ein wenig länger als auf dem Festland, bis das Guinness endlich im Glas ist. Noch immer schichten die Bauern Steine zu Mauern auf, um ihr Vieh vor dem Wind zu schützen, der bläst wie eh und je. Auf Inish Mor gibt einen Supermarkt, einen Bankautomaten, ein Geschäft für die typischen Wollpullis der Inseln, zwei Pubs, zwei Hotels und ein paar B&Bs. Die beiden kleineren Nachbarinseln können nicht mit soviel Service dienen. Nur Zeit und Anti-Aging gibt’s hier zusammen mit jodhaltiger Luft im Übermaß.


Aran 2



Last Updated on Tuesday, 24 April 2018 15:52
 
Das Glück der Iren PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Monday, 02 April 2018 13:45

Das Glück der Iren

Schon mal was vom „Luck of the Irish“ gehört? Dem irischen Glück? Letzteres ist nicht wirklich Glück, sondern mehr eine Lebenseinstellung, die sich immer dann manifestiert, wenn etwas schief geht. Ein Beispiel: Ich laufe durchs hohe Gras, übersehe einen abgebrochenen Ast, stolpere und falle... mitten in einen Kuhfladen. Stinkend wieder zu Hause angekommen, beschwere ich mich bei Ole Hubby: „Ausgerechnet heute, wo ich meine nagelneue Hose anhabe!“ Sagt der Hubby: „Irish Luck! Immerhin hast du eine Hose!“

Iren haben kein Glück, dafür aber Humor und Whiskey. Das brauchen sie auch, denn in diesem Land geht immer alles schief. Der Besuch von St. Patrick im fünften Jahrhundert endete in einem tyrannischem Katholizismus, der das Land nahezu lahmlegte. Die Reformation führte zu endloser britischer Besatzung und die Befreiung von diesem Joch erst in einen Bürgerkrieg und dann zu einem gespaltenen Land. Die Kartoffelfäule endete in einer der schlimmsten Hungersnöte, die das moderne Europa je gesehen hat. Alles zusammen sorgte für einen Exodus. Inzwischen leben mehr Iren im Ausland als auf der grünen Insel.

Schließlich kam die EU und mit dem Geld aus Brüssel ein wenig Wohlstand. Die wütenden jungen Männer in Nordirland hatten plötzlich Jobs, heirateten, bekamen Kinder und nahmen Hypotheken auf. Der Nachwuchs der IRA war plötzlich mit Häuschen- statt Bombenbauen beschäftigt und so entstand das Karfreitagsabkommen: Frieden in Nordirland. Dieses Projekt droht nun mit dem Brexit Großbritanniens wieder böse auszugehen, schließlich hat Irland als einziges EU-Mitglied eine Landgrenze mit den Briten und viel zu verlieren. Mindestens an Handelsvolumen, maximal den Frieden in Belfast. Denn wenn die EU-Gelder in Nordirland ausbleiben und London sie nicht ersetzen kann, weil die britische Wirtschaft leidet und mit ihr das staatliche Budget, könnte es wieder eine Generation wütender junger Männer geben. Keine Subventionen, keine Jobs und auch keine Hypotheken. Gebaut werden dann wieder nur noch Bomben. The luck of the Irish.

Wer Kummer hat, hat auch Schnaps. Traditionell ist der Trost der Iren in schwierigen Situationen ein guter Witz und ein Glas Whiskey zur Stärkung der Nerven. Und schwierig ist es hier wie gesagt immer.

Leider sind die Iren jedoch auch beim Schnapsbrennen nur zweiter Sieger. Die Schotten sind 1000 mal erfolgreicher im Herstellen und vor allem Vermarkten des goldenen Stöffchens. Hier im irischen Nordwesten zum Beispiel hat es seit 100 Jahren keinen reinen „pot still“ Whiskey gegeben – und es mussten erst drei Amis auftauchen, damit sich das ändert.

Seit 2016 gibt es die Connacht Whiskey Company am River Moy in Ballina, bei uns um die Ecke. Meister-Distiller Robert Cassell stammt aus Philadelphia, das Geld vom ehemaligen Chef von Remy Cointreau USA, Tom Soren und von JP Stapleton, dem ehemaligen Chairman des National Alcohol Beverage Control Board – ebenfalls USA. Doch auch das ist das Glück der Iren: Weil so viele von ihnen auswandern, haben unendlich viele Briten, Amis, Kanadier und Australier irische Wurzeln. So auch das Kernteam hinter Connacht Whiskey.

Ihre Ware sitzt noch im Fass – darf sich Schnaps doch erst Irish Whiskey nennen, wenn er mindestens drei Jahre gelagert wurde. Einstweilen gibt es Gin, Wodka und Poitin. Letzteres ist eine Verneigung vor dem Zeug, das die Iren unter der britischen Besatzung in den Bergen schwarz gebrannt haben. Denn letztlich ist das die Geisteshaltung, die Irish Luck ausmacht: Glück muss man sich selber machen. Sonst tut es nämlich keiner.

Last Updated on Monday, 02 April 2018 13:51
 
The Beast from the East PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Saturday, 03 March 2018 14:28

Feuer



Schnee können die nicht, die Iren.

Völlig unvorhergesehen ist es Winter auf der Nordhalbkugel, es schneit und auf den britischen Inseln bricht alles zusammen. Vor einer Woche begannen die Hamsterkäufe, dann haben sie die Flughäfen dicht gemacht und den Zug- und Busverkehr eingestellt. Nicht nur in Dublin, sondern auf der ganzen Insel.

Ahh, this weather is snow joke! (Laut lesen! Kapiert?)

Erst war es in der Tat noch lustig, das Touristenbüro für die hiesige Westküste zum Beispiel machte Werbung: „Come to Sligo, we still have bread!“ An der Ostküste waren da Backwaren schon ausverkauft, genauso wie Eier und Milch. Da kommen einem dann schon mal Kalauer in den Sinn: What do snowmen eat for lunch? Ice-bergers.


Langsam wird es jedoch langweilig, dass sie im Radio nur noch über das sibirische „beast from the East“ reden und darüber, wer haftbar ist, wenn vor dem Haus einer hinfällt und sich ein Bein bricht, weil der Hausbesitzer den Schnee nicht geräumt hat. Seit drei Tagen gibt es an der Westküste keine nationalen Zeitungen mehr, die werden einfach nicht mehr ausgeliefert. Post gibt es sowieso keine. Und unser Freund Orville hat wegen der Kälte die neugeborenen Lämmer in der Küche und ich weiß nicht, wer das anstrengender findet, Orville oder die Lämmer. Bei uns läuft der Ofen Tag und Nacht, die Häuser sind nicht für Temperaturen unter Null gemacht. Es wird Zeit, dass der Wind auf Süden dreht und die Witze sich so anhören:

How do you call an old snowman? Water.

Regen können die hier nämlich richtig gut.


Last Updated on Saturday, 03 March 2018 14:31
 
Nur Eejits haben keinen Respekt vor dem Meer PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Thursday, 22 February 2018 10:28

Meer



Je weniger Küste eine Gegend hat, desto begeisterter sind ihre Einwohner vom Meer. Das scheint die Faustregel zu sein, jedenfalls höre ich von vielen deutschen oder österreichischen Binnenländlern: „Am Meer leben! Wie toll. Das war immer schon mein Traum.“ Die Iren ziehen bei solchen Sätzen ironisch eine Braue hoch und halten sich den Hut fest: Es stürmt für gewöhnlich vom Atlantik her. Wenn es gerade nicht schüttet. Oder beides. Dann kommt das Wasser waagrecht. Am Wochenende stand daher in der Zeitung folgender Sparvorschlag: Wir schicken den kompletten Wetterdienst nach Hause. Motto: „Leute, wir sind in Irland. Irgendwo regnet es immer.“ Schuld daran ist natürlich: der Nordatlantik und die Feuchtigkeit, die er mit sich bringt.


In Irland gilt daher der Umkehrschluss: Das Meer ist für die Insulaner etwas, das man zu allem möglichen nutzt, nur nicht zum Spaß. Man geht fischen, hängt Hummertöpfe aus, gräbt im Sand nach Muscheln. Sammelt Algen, um sie als Badezusatz an die Touristen zu verkaufen. Oder um sie zu trocknen und Snacks draus zu machen. Dann wird das Zeug Carrageen genannt. Manche machen sogar Pudding aus Tang oder verbacken ihn zu Brot.


Viele Iren können übrigens nicht schwimmen, besonders nicht die Seeleute. So zum Beispiel Tom, unser Briefträger. Im Nebenjob fährt er zum Fischen raus und bringt mir im Sommer zusammen mit der Post die köstlichsten Krabbenscheren. Zwei Kilo für 10 Euro, Tom lässt sich nicht lumpen. Schwimmen kann er nicht und so neumodischer Kram wie Schwimmwesten stört beim Arbeiten. Toms lakonischer Kommentar zu meinem Vortrag über Arbeitsschutz: „Musst halt aufpassen.“ Gefolgt von der Frage: „Willste das Boot kaufen?“


So sind übrigens auch die bei den Touristen so beliebten Aran Sweater aus dicker irischer Schafwolle entstanden: Jede Fischerfamilie auf den Aran Islands hat ihr eigenes Muster. Wenn es beim Fischen einen Unfall gab und die Leiche wurde nach Tagen irgendwo angeschwemmt, konnte man sie an Hand des Pullovermusters identifizieren. Wer keinen Respekt vor dem Wasser hat, ist einfach ein Eejit, irisch für Idiot.


Ich stamme vom Bodensee, wo schon bei Windstärke drei die Sturmwarnung tut, als ginge gleich die Welt unter. Da lacht der Ire. Und zu Recht. Ich finde den Wind hier an der Küste belebend. Liebe die einsamen Strände und meine Strandspaziergänge, auch bei Regen. Und Toms frische Krabbenscheren. Wenn die See so richtig donnert, wird es in mir ganz ruhig. Das Meer ändert sich nicht. Es ist der Atem der Welt, Ebbe und Flut, rein und raus.

In alle Ewigkeit.


Last Updated on Thursday, 22 February 2018 10:32
 
Romantische Liebe auf Irisch PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Tuesday, 13 February 2018 17:24

Valentinstag#



Valentinstag droht und in Irland läuft „The Hucklebuck“ im Radio. Ole Hubby fängt an zu lachen und erklärt mir, dass dieser Song, der so ähnlich klingt wie der deutsche „Ententanz“ (und auch über ähnlich viel erotisches Potenzial verfügt), in Irland dekadenlang als Sexunterricht herhalten musste. Im Text heißt es: „you wriggle like a snake and you waddle like a duck, that's what you do when you do the Hucklebuck... and if you don't know how to do it you are out of luck.“

Kein Wunder, dass die hier oft mit 13 Kindern in Zwei-Zimmer-Cottages endeten.


Das mit der Liebe ist überhaupt so ein Ding in Irland. Stilbildend waren vermutlich die drei berühmtesten Liebesgeschichten des Landes. Die erste stammt aus dem 13. Jahrhundert. Da will der alte König Finn eine junge Braut freien, Grainne will allerdings nichts wissen von dem angejahrten Stinker, setzt die ganze Hochzeitsgesellschaft unter Drogen und brennt mit dem jungen Diarmuid durch, der ihr deutlich besser gefällt. Finn jagt die beiden dann durch ganz Irland und Schottland. Dass die Sache böse endet, versteht sich von alleine.


Die zweite ist die von William Butler Yeats und Maude Gonne vom Ende des 19. Jahrnunderts. WB war der irische Dichterkönig mit Nobelpreis und Maude die von ihm angebetete Gesellschaftsdame mit politischen Ambitionen. Alle traurigen Gedichte halfen ihm nichts … „tread softly, you tread on my dreams“ … Maude heiratete lieber den schmucken John, der sie gründlich unglücklich machte. Jahre später versuchte WB, Mauds Tochter rumzukriegen, die ihn ebenfalls nach Hause schickte, genau wie die Frau Mama. Am Ende tröstete sich Yeats mit gälischer Kultur, Magie und Feen-Geschichten.


Die dritte Story ist die vom „Ballroom of Romance“, ein Film aus den 1950er Jahren, in dem eine ältliche Jungfrau nur noch die Wahl hat, den Dorfsäufer zu heiraten oder unverheiratet bei ihrem schlecht gelaunten Vater zu bleiben und auf Zeitungsanzeigen wie diese zu antworten: „Bauer sucht Bäuerin mit Traktor. Bitte Bild vom Traktor schicken.“


Also ehrlich! Wie soll man romantische Gefühle entwickeln in einem Land, in dem Liebe immer tragisch endet? Aber egal, wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Schon gar nicht das Herz der Angebeteten. In diesem Sinne:

Happy Valentine's Day!

Last Updated on Tuesday, 13 February 2018 17:29
 
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