„...und vor der Tür nichts als Schafe“


So alt wie die Welt PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Thursday, 14 January 2016 17:03

Knocknarea

 

 

Nicht weit von unserem Haus liegt Carrowmore – eine der wichtigsten Megalithanlagen in Irland. Auf ein paar Quadratmetern finden sich hier rund 80 Gräber und Dolmen, die zwischen 4600 und 3900 vor Christus entstanden sind. Da fühlt man sich dann schon mal klein, jung und unbedeutend.

 

Wenn man in Carrowmore vor den Dolmen steht, wird im Hintergrund der Knocknarea sichtbar – und auf ihm Maeves Grab (siehe auch Beitrag vom 19. November). Angeblich ist hier die ehemalige Königin von Connacht in aufrechter Position und in voller Rüstung begraben - den Blick zu ihren Feinden in Ulster gewandt. Auf dem Foto oben sieht man einen kleinen Hubbel am Horizont auf dem Berg. Das ist das Grab.

Schon lange wollte ich zu ihr hinaufsteigen und ihr einen neuen Kiesel auf den 60 Meter breiten, zehn Meter hohen und wohl 40 000 Tonnen schweren Steinhaufen legen. Aus Respekt. Und weil das der Legende nach Segen bringt.

 

In Carrowmore stehend habe ich erst verstanden, dass diese Anlagen alle zusammen gehören – Maeves letzte Stätte ist auf die Dolmen ausgerichtet und Dolmen deuten hinauf zur Königin. Und drum herum liegen die Reste der Gräber ihrer Krieger. Wie so oft im Leben gilt auch hier: wer nicht zweimal hinguckt, versteht auch nur die Hälfte.

 

cairn

 

Oben angekommen, pfeift es gewaltig. Wieso haben die Menschen damals so viele Steine auf diesen unwirtlichen Berg geschleppt? Und warum ist Maeve hier begraben, war die Hauptstadt ihres Reichs doch in Roscommon - was damals einige Tagesreisen weit weg war. Vielleicht wollten die Leute den Geist der Chefin gar nicht näher bei sich haben?

Die Dame war nämlich ganz schön streitlustig. Mit dem Nachbarherrscher Ailill stritt sie sich zum Beispiel, wer reicher sei. Die Buchhalter der beiden mussten alles ganz genau gegeneinander aufrechnen und kamen zu dem Ergebnis, dass beide gleich vermögend waren - bis hin zu letzten Kuh. Da hörte Maeve, dass es in Ulster einen fabelhaften großen Bullen geben sollte. Und den wollte sie dann prompt haben. Also hat sie eine Armee versammelt, ist nach Ulster marschiert, entführte den Bullen und brachte ihn zurück nach Connacht. Hier kämpfte das Tier gegen Ailills größten Bullen und tötete ihn. Darauf wanderte das Vieh dann wieder gemütlich nach Hause zurück. So zumindest heißt es in der irischen Fabel.

Nett geht anders. Der Blick von ihrem Grab jedoch ist wunderbar und jeden Schritt bergauf wert.

Blick

 

 

Last Updated on Thursday, 14 January 2016 17:57
 
Ins Knie geschossen PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Monday, 28 December 2015 11:58

 

Im Radio läuft irische Musik. Die gibt es im Wesentlichen in zwei Variationen: als Jig und als traurige Ballade. Jigs bestehen aus wildem Gefiedel und einem Rhythmus, der zum Herumhopsen einlädt. Traurige Balladen kommen gerne mal in gälisch und klingen, als hätte man dem Sänger soeben ins Knie geschossen. Beides lässt sich für maximal 20 Minuten ertragen, es sei denn man hat jede Menge Poteen zur Hand (siehe Blog vom 3. Dezember 2015).

 

In der Regel ist von wilden Trinkgelagen aber abzuraten, also fing ich an, eine traurige Ballade im Radio mitzusingen, um mich über das langgezogene Wehklagen lustig zu machen. „Oh, die bösen Engländer,“ jaulte ich über das Gälisch des Songs hinweg, „oh, sind sind soooo böhöse. Ich wär so gerne wieder in Galway Town... aber da sind die blöhöhöden Engländäääääar..." Viele dieser traurigen Songs handeln nämlich von Immigration, Verlust der Heimat und Sehnsucht.

 

Dann fiel mein Blick auf das verärgerte Gesicht des ollen Hubby. An meiner Singerei konnte es nicht liegen, denn diese Misstöne ist er gewohnt. Es musste also der Text sein, der Mann ist schließlich in England erzogen worden und gehört in Irland der nur dreiprozentigen Minderheit der Protestanten an. Aus Sicht der katholischen irischen Mehrheit ist er also ein Vertreter genau der „bösen Engländer“, die ihnen seit Jahrhunderten das Land wegnehmen, die Religion verbieten und die Sprache ausrotten.

 

Tatsächlich lebe ich in einem Haus, das auf bitterem Unrecht gebaut ist. Grob verallgemeinert gesprochen, kam das so: Nach der Reformation hatten die Engländer noch mehr Angst vor ihren katholischen Nachbarn Frankreich und Spanien, als zuvor schon und fürchteten, dass die das katholische Irland zu einem Brückenkopf für einen Angriff nutzen könnten. Also mussten aus Londons Sicht die „Papisten" auf der Nachbarinsel unbedingt auch reformiert worden. Zu diesem Zweck pflanzte die englische Krone nun seit Heinrich VIII protestantische Siedler nach Irland. Die eigentlichen Landbesitzer wurden in die Berge und ins Moor verjagt, die englischen Siedler bekamen all das fruchtbare Land. Daher der Hass – und die jahrhundertelange Armut der Iren. Das Ganze nennt sich „Plantation" - also wörtlich Verpflanzung. Ein angenehmer Nebeneffekt für die Krone war, dass man so unzufriedene Soldaten loswerden konnte, die sich um England verdient gemacht hatten, aber nicht bezahlt worden waren. Die bekamen nun Land in Irland und waren erst einmal ruhig gestellt. Und im übrigen hatten solche Leute wenig Skrupel, aufmüpfige Iren einen Kopf kürzer zu machen

 

Die Geschichte von Charlesfort verliert sich im Dunkel der Vergangenheit, aber es ist klar, dass unser Haus – Baujahr 1781 - ein Ergebnis dieser Plantation ist. Viele Jahre lang war es sogar der lokale Sitz der anglikanischen Priesters in der Gegend. Hinterm Haus steht noch der alter Glockenturm. Irgendwann haben es dann die Ahnen vom ollen Hubby gekauft. Wem das Land eigentlich gehörte und was bei der Vertreibung der Leute geschah, ist nicht bekannt.

 

Im Dorf reden sie allerdings immer noch über einen Reverend Moore, der hier während der Hungerjahre der Kartoffelfäule gelebt hat, also in den 1840er Jahren. Der hat auf Charlesfort einen Obstgarten angelegt und den Ertrag mit Waffen bewachen lassen, während um ihn herum die Menschen verhungerten. Das ärgert die Nachbarn heute noch.

 

Hinterm Haus, einige Kilometer den Berg rauf, tief im Moor, liegt der Mass Rock – der Messefels. Er stammt aus den Tagen, als die Menschen hier ihre katholische Messe nicht feiern durften und die Briten die Priester umbrachten. Damals pilgerten die Menschen aus unserer Gegend in die Berge zu diesem Fels, um dort das Abendmahl zu feiern.

 

Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass Land überall auf Welt immer wieder den Besitzer wechselt – und dass es dabei oft nicht mit Recht und Gesetz zugeht. Und dass Geschichte fast immer die Geschichte von Missetätern ist. Froh macht mich die Vergangenheit dieses Hauses trotzdem nicht. Und plötzlich haben die traurigen Songs im Radio eine ganz neue Dimension.

Last Updated on Tuesday, 29 December 2015 17:08
 
Der kleine Pot PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Thursday, 03 December 2015 17:14

Poteen

 

Neulich kam der olle Hubby nach Hause und verkündete, er habe Putschin mit gebracht.

Was meint der bloß? Hat er Putin mitgebracht, den russischen Präsidenten? Aber so geschmacklos ist er nicht, der Gatte. Oh, dachte ich, er meint Putschin. Aber der ist doch tot! Wir haben den Geist eines verstorbenen russischen Dichters im Haus! Dann fiel mir ein... der hieß doch Puschkin. Alexander Sergejewitsch Puschkin.

Geist stimmte allerdings – wenn auch nicht im Sinn von Gespenst. Der olle Hubby stellte eine Flasche auf den Tisch, ich machte sie auf, roch daran: Spiritus! Ein Wink mit dem Zaunpfahl, ein Aufruf zum Fensterputzen? Wie kann er es wagen! Der Mann, der glaubt, er habe Hand angelegt, wenn er an der Waschküche vorbeispaziert, kritisiert mich, eine deutsche Hausfrau? Ha!

Der olle Hubby jedoch nahm mit der üblichen Gelassenheit zwei Schnapsgläser aus dem Schrank, füllte sie großzügig und drückte mir eines in die Hand.

Whoops-a-daisy! Das Zeug riecht wie Spiritus, schmeckt wie Spiritus und hat einen Abgang wie eine Mischung aus Vodka und Benzin. Tatsächlich ist Poteen Moonshine – schwarz gebrannter Schnaps. Nachts treffen sich irischen Bauern seit Anbeginn der Zeit irgendwo in den Bergen und brennen aus Kartoffeln oder Getreide Poteen.

Gesprochen wird Poteen „Putschin“- das Wort ist gälisch. Es bedeutet so viel wie „kleiner Topf“ – gemeint ist die Distille, meist ein Kupferkessel auf einem Torffeuer. Und aus diesem kleinen Topf kommt ein dicker Kopf. Verboten ist das Zeug seit 1661, aber Verbote der (zumeist englischen) Obrigkeit haben in Irland bekanntlich noch nie jemanden gestört.

Das Zeug ist absolut tödlich, sogar wenn es sich um Ethanol handelt, für Menschen verträglichen Alkohol. Falsch gebrannt, ist es Methanol und macht blind. Auch das stört hier keinen, denn es gibt angeblich verlässliche Tests für die Genießbarkeit von Poteen. Anzünden zum Beispiel, was bei einem Alkoholgehalt von 60 bis 80 Prozent auch nicht weiter schwierig ist. Brennt Poteen lila, ist alles gut, brennt er jedoch rot oder orange, handelt es sich in der Tat um Putzmittel. Warscheinlich kommt der Ausdruck „blind drunk“ für „komplett besoffen“ daher - und in jedem irischen Dorf gibt es die Geschichte von einem Poteen-Besäufnis, bei dem irgendein Paddy ins offene Feuer fiel und zu besoffen war, um wieder raus zu krabbeln.

Irland wäre nicht Irland, gäbe es nicht sogar ein Gedicht über Poteen:

"There's a neat little still at the foot of the hill
Where the smoke curls up to the sky,
By a whiff of the smell you can plainly tell
That there's poteen boys close by.
For it fills the air with a perfume rare
And betwixt both me and you
As home we roll, we can drink a bowl
Or a bucketful of mountain dew."

1997 haben die Behörden den Kampf gegen die Schwarzbrennerei schließlich aufgegeben und nun ist der Moonshine auch legal zu haben – vorausgesetzt, er wird bis zur Unkenntlichkeit verdünnt.

Die Idee war vermutlich, dem „Mountain Dew“ den rebellischen Charme zu rauben, indem er modisch wird. Und tatsächlich gibt es Poteen inzwischen auch bei Tescos zu kaufen. Neben Absolut Vodka oder Jameson Whiskey, gekennzeichnet als „Basis für Cocktails“. Die Leute an der irischen Westküste stört das keineswegs. Sollen doch die Touris das Zeug kaufen und 30 Euro für einen halben Liter rohen Kartoffelschnaps bezahlen! Sie selber gehen in die Berge, wie seit Jahrhunderten.

Ich für meinen Teil geh dann mal Fensterputzen.

 

Last Updated on Thursday, 03 December 2015 17:20
 
Ein Wetter zum Zuhausebleiben PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Friday, 20 November 2015 10:11

Buch Beckett

 

 

Zwei Tage hat es nun gestürmt und geregnet. Nun scheint eine scheue Novembersonne, aber von meinem Schreibtisch aus kann ich immer noch haushohe Wellen auf dem Atlantik sehen – und die Waschküche, die entsteht, wenn ihre kinetische Energie auf die Felsen knallt.

 

Wetter zum Zuhausebleiben, zum Lesen und Schreiben. Dass das winzige Irland mit Jonathan Swift, George Bernard Shaw, Oscar Wilde, WB Yeats, James Joyce (um nur ein paar der bekanntesten zu nennen) so viele Autoren hervorgebracht hat, ist aus meiner Sicht auch ein meteorologisches Phänomen. Es ist allerdings nicht bekannt, ob Samuel Beckett auch das Wetter meinte, als er 1939 schrieb, er ziehe Paris im Krieg Irland im Frieden vor. (Sein Portrait ist von Ritchie P. Delaney, birchcottagestudio.com)

 

So gesehen ergibt es also Sinn, dass ich auf der Suche nach Inspiration die Sonne Australiens hinter mir gelassen habe und nun auf diesem windumtosten Felsen im Nordatlantik sitze. Ein Shaw oder Wilde wird aus mir zwar nicht mehr werden, da kann es hier blasen soviel es will, aber vielleicht werde ich ja noch eine halbwegs leserliche Krimiautorin. Der erste Versuch dazu erscheint im kommenden Jahr bei List unter dem Titel „Lügenmauer“.

 

Das Buch spielt hier in Irland, dem Traumreiseziel vieler Deutschen und Amerikaner, Wetter hin oder her. Emma Vaughan, Inspektorin bei der Mordkommission in Sligo an der verregneten Nordwestküste, kriegt von dem Irland der Touristenbüros allerdings nicht viel mit. Sie erlebt es als Hochburg der Machos und religiösen Eiferer. Als Protestantin und geschiedene, allein erziehende Mutter weckt sie bei der katholischen Mehrheit – ja selbst bei ihren Kollegen – wenig Vertrauen. Als sie damit betraut wird, den Mord an dem pensionierten protestantischen Vikar Charles Fitzpatrick aufzuklären, sieht sie sich nicht nur mit der dunklen Geschichte Irlands konfrontiert, sondern auch mit den Geistern ihrer eigenen Vergangenheit.

 

Diese Woche hat der Verlag den Titel Onix gemeldet – also der ONline Information eXchange, eine Plattform zum Austausch von Produkt-Daten über die gesamte Verwertungskette im Buchhandel. Auf deutsch heißt das: das Buch kann jetzt bei Amazon oder Libri und Co vorbestellt werden.

Siehe zum Beispiel hier:

http://www.amazon.de/s/ref=nb_sb_noss_2?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&url=search-alias%3Daps&field-keywords=L%C3%BCgenmauer

Last Updated on Friday, 20 November 2015 11:50
 
Die Macht der Dinge PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Monday, 02 November 2015 17:28

Steinmaennchen

 

Vor zwei Wochen ist unser Container ist angekommen. Seither bin ich im Schock: Warum bloß haben wir so viel Zeug? Das Drama begann schon in Sydney. Ich war bereits am Flughafen und im Begriff das Land zu verlassen, als der Anruf der Spedition kam: „Eure Sachen passen nicht in einen Container. Wir müssen noch eine Zuladung in einen zweiten packen. Kostet 2000 Dollar extra.“

Diese zweite Ladung ist inzwischen auch angekommen – über Belfast allerdings und nicht über Dublin, was bedeutet, dass wir den Bürokratenkram mit dem Zoll zweimal gemacht haben, einmal für die Republic or Ireland und einmal für Great Britain. Aber das ist nicht das Schlimmste, viel übler ist, dass ich jetzt alles wieder auspacken und Platz für all die Bücher, DVDs, Kunstwerke und Klamotten finden muss.

Alles nur, weil wir in 50 Lebensjahren so viele Dinge angesammelt haben. Ich besitze beispielsweise ungefähr 30 oder so Handtaschen und 50 Paar Schuhe... von denen mir die meisten hier am Ende der Welt auf dem Land so nützlich sind, wie eine Wärmflasche aus Schokolade.

 

Ivan, der Onkel vom Ollen Hubby, starrt voller Unglaube auf die Massen, die wir aus den Kisten holen. Und noch ungläubiger auf das, was ich wegwerfen will. Er wurde vor 77 Jahren geboren – damals hatte die Familie zwar schon das Land, lebte aber im wesentlichen vom eigenen Anbau. Modern ausgedrückt würde man sagen: „asset rich - cash poor“. Zeug war rar damals – und Wegwerfen undenkbar. Dass etwas Geld gekostet hat, bedeutet für Uncle Ivan heute noch, dass man es behalten muss, bis es im Wortsinn auseinander fällt.

Also hortet er. So hat er beispielsweise immer noch die alten Holzfenster, die vor 25 Jahren aus Charlesfort ausgebaut und durch neue ersetzt wurden. Seither verrotten die langsam in einer der Scheunen. Man könnte die ja vielleicht noch mal gebrauchen, um ein Gewächshaus zu bauen... oder so.

 

Er hat also so viel Zeug angesammelt, weil er früher kein Geld hatte. Ich hab so viel Zeug angesammelt, weil ich immer genug Geld hatte. In beiden Fällen beherrschen wir nicht die Dinge, sondern die Dinge beherrschen uns und verstopfen unsere Häuser, Garagen und Dachböden.

 

Und unser Denken dazu. Viele von uns hangeln sich ein Leben lang von einem Kredit zum anderen – den für die Studiengebühren, das Auto, das Haus. Manche kaufen sogar Aktien auf Pump. Kapitalismus pur – Kopf runter, arbeiten und Kredite bedienen. Am Ende hat man dann all das Zeug und die Last damit.

 

Mir reichts. Außer Lebensmitteln und dem Material, um das Haus zu reparieren, habe ich in den vergangenen drei Monaten gekauft: Gummistiefel, ein paar Bücher über Irlands Geschichte und eine neue Gartenbank. Ansonsten habe ich mir ein Steinmännchen angeschafft – selber gebaut aus Material vom Strand. Fühlt sich gut an.

Last Updated on Monday, 02 November 2015 17:50
 
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