„...und vor der Tür nichts als Schafe“


Nationalstolz für Fortgeschrittene PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Thursday, 31 March 2016 11:49

 

St Patricks

 

Seit 2004 bin ich aus Deutschland weg und zigeunere seither durch die Gegend. Sabbatjahr am Mittelmeer, Korrespondententage in New York und Sydney und nun Krimiautorin in Dromore West, Irland. Da hält man sich dann mal gerne für eine Weltbürgerin. Alles Quatsch. Ich bin so deutsch wie ein Wiener Würstchen. Was mir immer dann klar wird, wenn anderswo der Nationalismus ausbricht. Ich habe dann schwere Anfälle von Fremdschämen – was übrigens ein Wort ist, dass es meiner Kenntnis nach nur in der deutschen Sprache gibt. Jede Art von Nationalstolz ist mir unheimlich und peinlich. Fahnen jeglicher Couleur zu schwenken, finde ich degoutant. Typisch deutsch eben, wir schwenken nur, wenn Fußball ist.

 

Am 17. März war hier St. Patrick's Day, an dem sich die Iren grün in Schale werfen und ihr Land feiern. Dass die dazu gehörenden Paraden eine Erfindung der Amerikaner irischer Abstammung sind, stört dabei keinen. Wenn die US-Iren in Boston den Charles River zu Ehren der Esmerald Island mit Lebensmittelfarbe grün färben können, dann können wir zu Hause auch ein grünes Hütchen aufsetzen, uns als Leprechauns verkleiden und einen Jig tanzen. Guinness wird sowieso immer getrunken, dazu braucht es keine Parade.

 

Dieses Jahr allerdings war es mit St. Patrick's Day nicht getan, denn wir schreiben 2016.

Vor 100 Jahren fand in Dublin das so genannte Easter Rising statt, einer von vielen Versuchen, die britischen Kolonialmacht loszuwerden. Die meisten Bürger in Dublin reagierten jedoch eher genervt auf den Osteraufstand gegen die Krone, denn Rebellionen haben die unangenehme Eigenschaft, den Verkehr zum Erliegen zu bringen und gutbürgerliche Architektur zu Klump zu schießen. Im konkreten Fall das gerade erst renovierte Hauptpostamt. Die Stimmung der irischen Paddy Normalbürger wandelte sich erst, als die Briten anfingen, die 15 Anführer des Aufstands ohne großes Federlesen oder ziviles Gerichtsverfahren hinzurichten. Weitere 3000 Leute wurden verhaftet und in Wales interniert.

 

Obwohl militärisch eine katastrophale Niederlage, gilt der Osteraufstand doch als der Anfang vom Ende der britischen Herrschaft. Belfast und Northern Ireland sind noch immer britisch, doch seit 1921 ist immerhin die Republic of Ireland mit der Hauptstadt Dublin unabhängig. Der Osteraufstand steht jedoch auch für den Anfang des Bürgerkriegs, für Gewaltbereitschaft und IRA … und einige Iren – nicht zuletzt die protestantische Minderheit – fürchtete vor der Hundertjahrfeier, dass vor allem die alten Animositäten zwischen Anglo-Iren und Katholiken wieder hoch kochen.

 

Aber weit gefehlt. Der Festakt war eine zweite St. Patrick's Day-Parade. Alles in grün und eher fröhlich. Geregnet hat es auch, wie immer. Irgendwer hat eine neue Oper zum Anlass komponiert und in allen Theatern wird Sean O´Casey gespielt. Und wenn nicht der, dann Beckett.

 

Inzwischen ist alles wieder auf Normalnull, das Leben geht weiter. No big deal. Faksimiles der Proklamation der 1916-Anführer wurden an alle Schulkinder verteilt und erinnern daran, dass Irlands Führer schon vor 100 Jahren gleichberechtigt von irischen Männern und Frauen sprachen und alle Kinder des Landes frei sehen wollen, egal welche Farbe oder Religion sie haben.

 

Ich finde, das kann man getrost feiern. Nationalstolz irischer Art ist erträglich, auch wenn man deutsch und daher leicht geschädigt ist. Besonders bei einem ordentlichen Glas Whiskey. Sláinte!

 

 

Last Updated on Thursday, 31 March 2016 12:05
 
Ein Trekker! PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Monday, 21 March 2016 14:55

 

Tim u Orville


Mit einem Umzug in ein steinaltes Haus erbt man jede Menge ebenfalls steinaltes Zeug. Besonders, wenn man den Mut hat, mal gründlich in die seit Jahrzehnten voll gestopften Scheunen zu gucken. Unter anderem haben wir da einen Massey Fergusson 135 von 1971 entdeckt. Was Ole Hubby begeisterte Schreie entlockte: „Boah, sogar mit einer geraden Achse!“ und bei mir Lerneffekte auslöste. Erstens: der Gatte liebt Traktoren. Zweitens: Traktoren haben Achsen. Drittens: Dieser spezielle Traktor hat eine, die geradeaus geht – frühere Modelle hatten offenbar eine gebogene. Was immer das heißt.

 

Kurz und gut, wir renovieren gerade einen Trekker. Ich wurde zu dem Projekt mit dem Hinweis überredet, dass wir mit dem Teil die umgefallenen Bäume aus dem Wald ziehen und zu Feuerholz verwandeln können. Der Trekker würde weder angemeldet werden noch jemals unseren Privatgrund verlassen, hieß es. Doch kaum hatte ich genickt, entstand der Plan, im kommenden Jahr mit einem blitzeblankem, grundrenovierten Traktor bei der St. Patricks Parade durchs Dorf zu fahren.

 

Dabei gibt es nur ein winziges Problem: Wir haben keine Ahnung von Traktoren. Oder von Paraden. Doch zum Glück gibt es unseren Nachbarn Orville (siehe auch Blogeintrag vom 18. September 2015). Orville fährt ausschließlich Trekker und findet: Wo man mit einem Traktor nicht hinfahren kann, da muss man auch nicht sein. Sein Kommentar zu Ole Hubbys Enthusiasmus: „Once a man, twice a boy!“ Stimmt ja auch, jeder Junge träumt von Treckkerfahren, auch wenn er schon 50 ist.

 

Wie sich herausstellt, sind Ole Hubby und Orville die perfekte Tractor Repair Crew (siehe Bild oben). Orville kann Tractor, Hubby kann Internet und sucht, wenn was unklar ist, nach den entsprechenden YouTube-Filmen, die in Wort und Bild erläutern wie man eine verrostete Bremsscheibe aus den 70er Jahren repariert. So was gibt’s, im Ernst. Ich bin vor alldem noch leicht benommen, denn der Hubby, den ich kannte, sah ungefähr so aus:

Tim

 

Derart gerüstet haben wir inzwischen die Räder und Bremsen abmontiert, sauber gemacht und alles wieder zusammen gebaut. Falls wir das Ding ans Fahren kriegen, können wir es jetzt auch wieder bremsen. Das ist ja schon mal was!

 

Inzwischen wissen wir: MF135 sind nahezu unzerstörbar, denn auch wenn Ahnungslose am Werk sind. Nach einem Ölwechsel und mit neuer Batterie verstehen, startete unser Trekker ohne zu murren. Nun hopst er über die Wiesen wie ein junges Osterlamm.

Tim

 

 

Das nächste Thema ist, die Ersatzteile zu besorgen. Hat zufällig einer eine MF135-Kühlerhaube im Schrank, die er nicht braucht? Falls ja, immer her damit!

 

Last Updated on Monday, 21 March 2016 15:20
 
Die rote Tür PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Tuesday, 16 February 2016 12:00

Tuer

Unsere Gartentür im westirischen Regen

 

 

Auf den Wiesen vor dem Haus toben die Lämmer. Besonders die schwarzen sind so niedlich, dass ich sie am liebsten umarmen würde. Doch ihre Mütter wollen davon nichts wissen und ergreifen die Flucht, wenn ich in meinen Gummistiefeln angestapft komme. Auch Martin, unser Pächter, dem die Schafe gehören, würde mir meine Sentimentalität um die Ohren hauen. Es handelt sich hier nämlich nicht um Knuddeltiere, sondern um den Osterbraten. Und so lange der noch herumläuft, wird der höchstens gegen Parasiten im Fell behandelt, ansonsten muss das Vieh hier zusehen, wie es klar kommt. Auch wenn es vom Atlantik mal wieder so bläst, dass es die Lämmchen schier weg weht.

 

Was auch schier fliegen geht, ist meine Hintertür. Die ist so alt wie die Welt und wird nur noch von der coca-cola-roten Farbe zusammengehalten, die ich ihr vor ein paar Monaten verpasst habe. Doch eine neue zu kriegen, ist gar nicht so einfach.

 

Dazu geht man zunächst ins Dorf zu Flynn, dem lokalen Saathändler. Der ist noch älter als meine Tür. Bei Flynn gibt es auch andere nützliche Dinge wie Schaufeln, Paletten oder Heizkohle. Und immer auch einen guten Rat. Den zu extrahieren, ist jedoch zeitaufwändig. Die Iren sind höfliche Leute, die wollen erst einmal hören, wie das werte Befinden ist. Dann wollen sie gefragt werden, wie sie sich selber fühlen. Sodann wird besprochen, wer im Dorf gerade geheiratet hat, gestorben oder im Krankenhaus gelandet ist. Dann kommt das Wetter dran: Dezember war zu warm dieses Jahr. Januar zu kalt. Nun sind die Lämmer dieses Jahr fast ein wenig zu früh geboren... was, wenn im Februar der Frost kommt? Auch die Schneeglöckchen sind zu früh dran und die Glockenblumen sowieso. Und hast du schon gehört? Stuart hat wieder ganz übel mit dem Saufen angefangen...

 

Am Ende empfiehlt Flynn ein Gespräch mit Sean Quinn. Den kann man aber nicht einfach anrufen, denn erstens geht er nie ans Telefon – ist schließlich neumodischer Kram – und zweitens will auch er ein richtiges Schwätzchen halten. Also fährt man hin und das Menuett beginnt von vorne: Befinden, Dorfklatsch, Wetter, die Lämmer-Saison und die Frage, wie wir uns denn einleben? Nun gilt es, unser neues Leben über den grünen Klee zu loben, denn die Iren sind der Meinung, dass es nirgendwo besser ist als da, wo sie gerade sind. Alles toll - bis auf die Tür! Schließlich erklärt Sean, er habe sich inzwischen zur Ruhe gesetzt. Aber er werde John, seinen Sohn, bitten, doch mal vorbei zu schauen und die Tür zu inspizieren. Der sei nämlich auch Schreiner.

 

John kommt zwei Tage später und kriegt erst einmal eine Tasse Tee. Wer immer in Irland zu deiner Tür reinkommt – und sei es der Gerichtsvollzieher – will erst einmal eine Tasse starken, heißen Tee mit Milch und Zucker. Dazu wird geschwatzt, doch John ist eine Generation jünger als Flynn und Sean, also geht es nach dem Befinden und dem Dorfklatsch um die Frage, wer wohin ausgewandert ist. London? Sydney? Toronto? Wo ist es am besten für einen irischen Schreiner? Letzten Endes zückt John das Metermaß und vermisst die Tür.

 

Zwei weitere Tage später erscheint Dermott. John habe ihn geschickt. Wegen der Tür. Er ist in Johns Alter, also wieder Tee, Befinden, Wetter, Lämmer-Saison und die relativen Vorteile von Kanada und Australien gegenüber Großbritannien. Auch Dermott vermisst die Tür und es stellt sich heraus, er ist der Vertriebsmann des Türen-Herstellers. Ich wage nicht zu fragen, wie viele Türen pro Woche er verkauft, wenn er dafür jeweils ins Haus kommen, Tee trinken und ein Schwätzchen halten muss.

 

Eine Woche später erfolgt erneut ein Anruf von John, er will nochmal kommen, diesmal mit Dermott. Zwei Tassen Tee und endloses Palaver später wird die Tür aufs Neue vermessen und ich werde gefragt, welche Farbe sie haben soll? Mit Fenster? Glatte Tür oder im Nut-und-Feder-Look? Griff silbern oder schwarz? Welche Art von Schloss?


Eine Woche geht ins Land, dann ist John am Apparat: Ob ich denn eine Anzahlung leisten könnte? Kann ich, kein Problem. Muss ich ja nicht mal Tee für kochen.

Seither habe ich nichts mehr gehört und John ist inzwischen wohl auch der Meinung, dass Telefone neumodischer Kram sind, von dem man sich besser fernhält, denn er geht nicht mehr ran.

 

Keine Missverständnisse. Es ist nicht so, dass John und Dermott jetzt mit meiner Anzahlung nach London oder  Sydney durchbrennen. Hier würde dich nie jemand betrügen. Nein, es geht jetzt alles seinen tee-geschwängerten, geschwätzigen Weg und spätestens kurz vor Ostern, wenn es dann warm und sonnig ist, wird auch meine Tür geliefert werden. Die ich dann längst nicht mehr so dringend brauche, wie während der Winterstürme im Februar. Hätte ich ja auch im Oktober drüber nachdenken können!

 

Das gute Stück wird mich stolze 1000 Euro kosten, ist ja auch kein Wunder, wenn man dafür so viel Tee trinken, reden, vermessen und telefonieren muss. Genug Geld jedenfalls, dass sich John und Dermott und ihre Familien die Lämmer für den Osterschmaus leisten können und ich kapiere: so funktioniert Irland.

Last Updated on Tuesday, 16 February 2016 12:09
 
So alt wie die Welt PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Thursday, 14 January 2016 17:03

Knocknarea

 

 

Nicht weit von unserem Haus liegt Carrowmore – eine der wichtigsten Megalithanlagen in Irland. Auf ein paar Quadratmetern finden sich hier rund 80 Gräber und Dolmen, die zwischen 4600 und 3900 vor Christus entstanden sind. Da fühlt man sich dann schon mal klein, jung und unbedeutend.

 

Wenn man in Carrowmore vor den Dolmen steht, wird im Hintergrund der Knocknarea sichtbar – und auf ihm Maeves Grab (siehe auch Beitrag vom 19. November). Angeblich ist hier die ehemalige Königin von Connacht in aufrechter Position und in voller Rüstung begraben - den Blick zu ihren Feinden in Ulster gewandt. Auf dem Foto oben sieht man einen kleinen Hubbel am Horizont auf dem Berg. Das ist das Grab.

Schon lange wollte ich zu ihr hinaufsteigen und ihr einen neuen Kiesel auf den 60 Meter breiten, zehn Meter hohen und wohl 40 000 Tonnen schweren Steinhaufen legen. Aus Respekt. Und weil das der Legende nach Segen bringt.

 

In Carrowmore stehend habe ich erst verstanden, dass diese Anlagen alle zusammen gehören – Maeves letzte Stätte ist auf die Dolmen ausgerichtet und Dolmen deuten hinauf zur Königin. Und drum herum liegen die Reste der Gräber ihrer Krieger. Wie so oft im Leben gilt auch hier: wer nicht zweimal hinguckt, versteht auch nur die Hälfte.

 

cairn

 

Oben angekommen, pfeift es gewaltig. Wieso haben die Menschen damals so viele Steine auf diesen unwirtlichen Berg geschleppt? Und warum ist Maeve hier begraben, war die Hauptstadt ihres Reichs doch in Roscommon - was damals einige Tagesreisen weit weg war. Vielleicht wollten die Leute den Geist der Chefin gar nicht näher bei sich haben?

Die Dame war nämlich ganz schön streitlustig. Mit dem Nachbarherrscher Ailill stritt sie sich zum Beispiel, wer reicher sei. Die Buchhalter der beiden mussten alles ganz genau gegeneinander aufrechnen und kamen zu dem Ergebnis, dass beide gleich vermögend waren - bis hin zu letzten Kuh. Da hörte Maeve, dass es in Ulster einen fabelhaften großen Bullen geben sollte. Und den wollte sie dann prompt haben. Also hat sie eine Armee versammelt, ist nach Ulster marschiert, entführte den Bullen und brachte ihn zurück nach Connacht. Hier kämpfte das Tier gegen Ailills größten Bullen und tötete ihn. Darauf wanderte das Vieh dann wieder gemütlich nach Hause zurück. So zumindest heißt es in der irischen Fabel.

Nett geht anders. Der Blick von ihrem Grab jedoch ist wunderbar und jeden Schritt bergauf wert.

Blick

 

 

Last Updated on Thursday, 14 January 2016 17:57
 
Ins Knie geschossen PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Monday, 28 December 2015 11:58

 

Im Radio läuft irische Musik. Die gibt es im Wesentlichen in zwei Variationen: als Jig und als traurige Ballade. Jigs bestehen aus wildem Gefiedel und einem Rhythmus, der zum Herumhopsen einlädt. Traurige Balladen kommen gerne mal in gälisch und klingen, als hätte man dem Sänger soeben ins Knie geschossen. Beides lässt sich für maximal 20 Minuten ertragen, es sei denn man hat jede Menge Poteen zur Hand (siehe Blog vom 3. Dezember 2015).

 

In der Regel ist von wilden Trinkgelagen aber abzuraten, also fing ich an, eine traurige Ballade im Radio mitzusingen, um mich über das langgezogene Wehklagen lustig zu machen. „Oh, die bösen Engländer,“ jaulte ich über das Gälisch des Songs hinweg, „oh, sind sind soooo böhöse. Ich wär so gerne wieder in Galway Town... aber da sind die blöhöhöden Engländäääääar..." Viele dieser traurigen Songs handeln nämlich von Immigration, Verlust der Heimat und Sehnsucht.

 

Dann fiel mein Blick auf das verärgerte Gesicht des ollen Hubby. An meiner Singerei konnte es nicht liegen, denn diese Misstöne ist er gewohnt. Es musste also der Text sein, der Mann ist schließlich in England erzogen worden und gehört in Irland der nur dreiprozentigen Minderheit der Protestanten an. Aus Sicht der katholischen irischen Mehrheit ist er also ein Vertreter genau der „bösen Engländer“, die ihnen seit Jahrhunderten das Land wegnehmen, die Religion verbieten und die Sprache ausrotten.

 

Tatsächlich lebe ich in einem Haus, das auf bitterem Unrecht gebaut ist. Grob verallgemeinert gesprochen, kam das so: Nach der Reformation hatten die Engländer noch mehr Angst vor ihren katholischen Nachbarn Frankreich und Spanien, als zuvor schon und fürchteten, dass die das katholische Irland zu einem Brückenkopf für einen Angriff nutzen könnten. Also mussten aus Londons Sicht die „Papisten" auf der Nachbarinsel unbedingt auch reformiert worden. Zu diesem Zweck pflanzte die englische Krone nun seit Heinrich VIII protestantische Siedler nach Irland. Die eigentlichen Landbesitzer wurden in die Berge und ins Moor verjagt, die englischen Siedler bekamen all das fruchtbare Land. Daher der Hass – und die jahrhundertelange Armut der Iren. Das Ganze nennt sich „Plantation" - also wörtlich Verpflanzung. Ein angenehmer Nebeneffekt für die Krone war, dass man so unzufriedene Soldaten loswerden konnte, die sich um England verdient gemacht hatten, aber nicht bezahlt worden waren. Die bekamen nun Land in Irland und waren erst einmal ruhig gestellt. Und im übrigen hatten solche Leute wenig Skrupel, aufmüpfige Iren einen Kopf kürzer zu machen

 

Die Geschichte von Charlesfort verliert sich im Dunkel der Vergangenheit, aber es ist klar, dass unser Haus – Baujahr 1781 - ein Ergebnis dieser Plantation ist. Viele Jahre lang war es sogar der lokale Sitz der anglikanischen Priesters in der Gegend. Hinterm Haus steht noch der alter Glockenturm. Irgendwann haben es dann die Ahnen vom ollen Hubby gekauft. Wem das Land eigentlich gehörte und was bei der Vertreibung der Leute geschah, ist nicht bekannt.

 

Im Dorf reden sie allerdings immer noch über einen Reverend Moore, der hier während der Hungerjahre der Kartoffelfäule gelebt hat, also in den 1840er Jahren. Der hat auf Charlesfort einen Obstgarten angelegt und den Ertrag mit Waffen bewachen lassen, während um ihn herum die Menschen verhungerten. Das ärgert die Nachbarn heute noch.

 

Hinterm Haus, einige Kilometer den Berg rauf, tief im Moor, liegt der Mass Rock – der Messefels. Er stammt aus den Tagen, als die Menschen hier ihre katholische Messe nicht feiern durften und die Briten die Priester umbrachten. Damals pilgerten die Menschen aus unserer Gegend in die Berge zu diesem Fels, um dort das Abendmahl zu feiern.

 

Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass Land überall auf Welt immer wieder den Besitzer wechselt – und dass es dabei oft nicht mit Recht und Gesetz zugeht. Und dass Geschichte fast immer die Geschichte von Missetätern ist. Froh macht mich die Vergangenheit dieses Hauses trotzdem nicht. Und plötzlich haben die traurigen Songs im Radio eine ganz neue Dimension.

Last Updated on Tuesday, 29 December 2015 17:08
 
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