„...und vor der Tür nichts als Schafe“


The Cure in Irland PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Monday, 19 October 2015 11:28

Knocknarea

Irland glaubt an „The Cure“ - nee, nicht an die englische Rockband, auch wenn die sich gelegentlich hier rüber verirrt. Gemeint ist „die Heilung“. Und zwar eine wundersame. Ivan, der Onkel vom Ollen Hubby zum Beispiel kann Brandwunden heilen. Dem Volksglauben nach geht das so: Ivan hat als junger Mann den Rücken einer Eidechse abgeleckt und kann nun den Schmerz von Brandverletzungen nehmen, indem er seinerseits die Wunden eines Brandopfers leckt. Ziemlich unhygienisch, wie ich finde. Doch viele hier im Dorf glauben dran und wann immer sich einer verbrennt, ist großes Geschrei: Wo ist Ivan? Es folgt Gerenne über Stock und Stein, bis Ivan gefunden ist und die Verletzung geleckt hat. Erst dann geht's zum Arzt – wenn überhaupt - und die Leute schwören, dass Ivans Zunge ihnen wirklich den Schmerz nimmt.

 

Ivan ist übrigens nicht alleine. Neulich war ein Mensch hier, um die Dachrinnen in Charlesfort zu säubern, weil ich mich nicht auf eine zwölf Meter hohe Leiter traue und der Olle Hubby sowieso nur mit den Augen rollt, wenn es um irgendwas geht, das mehr als einen Meter vom Boden entfernt ist.

Der Herr der Dächer erzählte mir dann beim obligatorischen Tee, den man irischen Handwerkern nach getaner Arbeit servieren muss, er sei unlängst von besagter Leiter gefallen. Aber zum Glück habe seine Nachbarin „the Cure“. Statt die Ambulanz zu rufen, hat er sich also ins Auto geschleppt, ist nach Hause gebraust und da hat ihm die Dame von nebenan die Hand aufgelegt. Danach sei der Schmerz weg gewesen.

 

Das wirft nun viele Fragen auf.

Wenn das klappt – wieso lecken nicht mehr Leute Eidechsen oder legen Hand an und werden Heiler?

Wozu brauchen wir noch teure medizinische Versorgung?

Und – wieso bin ich zu feige, das mal auszuprobieren? Ich könnte mich ja aus wissenschaftsjournalistischem Interesse mal verbrennen, wenn Ivan in der Nähe ist. Oder mich in Gegenwart der Handauflegerin von der Leiter stürzen.

Leider weiß ich, dass menschliche Spucke voller fieser Bakterien ist, die man besser nicht in Brandwunden appliziert und außerdem habe ich Angst vor Schmerzen.

 

Früher wohnten überall Geister, Dämonen, Zwerge und Feen. Inzwischen hat die der Rationalismus fast überall vertrieben und daher sind all die Fabelwesen, die nicht in Hollywood im Exil sind, nach Irland umgezogen. Hier glauben die Leute schließlich immer noch, dass man nachts die Hexe Banshee schreien hört, wenn einer sterben muss und dass im Morgengrauen die Geister betrunkener Seeleute an die Fenster klopfen. Sie sind überzeugt, dass es Feen gibt, die Kinder entführen und dass ihre sagenumwobende Königin Maeve früher zusammen mit den Wölfen jagte. Angeblich ist sie hier um die Ecke in aufrechter Position und in voller Rüstung begraben - den Blick zu ihren Feinden in Ulster gewandt. Den Leuten hier gefällt das – in Ulster sitzen schließlich die Briten.

 

 

Den Knocknarea, den Hausberg von Sligo, ziert in der Tat ein weithin sichtbarer Steinhaufen – das soll ihr Grab sein. Archäologen sagen, dass dieser 55 Meter breite, zehn Meter hohe und wohl 40 000 Tonnen schwere Steinhaufen 3000 Jahre vor Christus errichtet wurde – und daher nicht die Grab der sagenhaften keltischen Königin Maeve aus der Eisenzeit sein kann. Den Iren ist das allerdings herzlich egal. Wer auf den Knocknarea steigt, nimmt einen Stein mit hoch und legt ihn auf Maeves Grab. Aus Respekt. Und weil das Segen bringt. Auch wenn ich mich nicht absichtlich verbrenne oder von Leitern werfe, Maeve einen Stein aufs vermeintliche Grab tragen, das krieg ich hin. So irisch bin ich dann doch schon.

 

Last Updated on Monday, 19 October 2015 11:47
 
Der Tee-Schock PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Sunday, 04 October 2015 10:24

Western people

Irland ist anders. Ziemlich anders. Was sich dem Medienmenschen bei der Betrachtung der eigenen Branche schnell erschließt. Unlängst wanderte ich in Ballina herum – die Hauptstadt des County Mayo mit 10 000 Einwohnern - und ging an der Redaktion der dort heimischen Zeitung „Western People“ vorbei. Es war ein Uhr nachmittags und an der Tür hing ein Schild: „Closed until 2.30“.

Der Rest der Publizistik weltweit versucht ständig, aktueller und schneller zu werden, um mit dem Internet mithalten zu können. Nicht im irischen Nord-Westen. Wenn hier die Mittagspause ansteht und der Magen knurrt, haben Politik, Wirtschaft und Kultur gefälligst den Atem anzuhalten, denn die Redaktion macht dicht. Was berichtenswert ist, ist das vermutlich auch noch nach halb drei, wenn der Redakteur zufrieden und gesättigt wieder am Schreibtisch sitzt. Hier herrscht ganz offenbar Gefühl fürs Wesentliche.

 

Der „Irish Independent“ - ein nationales Blatt – berichtet daher auch auf einer Viertel Seite von zwei beim Baden im Meer ertrunkenen Nonnen und doppelseitig über die Ergebnisse der irischen Pflugmeisterschaften. Dabei geht es um die Frage, wer mit dem schönsten Pferd oder Bullen die dollsten Dellen in ein Feld pflügen kann. Zu dieser bahnbrechenden Herausforderung ist sogar EU-Kommissar Phil Hogan angereist. Das Blatt interviewt jedoch nicht den, sondern Farmer David Pearson, der mit einer Kuh namens Hanky-Panky einen Preis gewonnen hat. Der Bauer erklärt nun genau, wie er sie für Wettbewerbe shamponiert, trocken fönt und wachst, damit ihr Haar genug „Va-va-voom“ hat. Ich fürchte, mit meinem Schopf hat sich noch nie jemand so eingehend befasst wie mit dem einer irischen Preiskuh. Vermutlich gewinne ich deswegen auch nie Preise.

 

Dieser Bericht steht übrigens nicht im Vermischten, sondern im Nachtrichtenteil.

 

Dort steht eine Seite weiter auch, das es hier einen Taoiseach gibt. Gesprochen wird das Tea-Shock. Das ist mitnichten die Krankheit, die einen befällt, wenn man zu viel von dem schwarzen, starken irischen Tee trinkt, der hier bei allen Gelegenheiten offeriert wird. Nein, das ist der Regierungschef der Republic of Ireland in Dublin. In den späten 1970er Jahren diente in der Funktion ein gewisser Charles Haughey und als der Pabst 1979 in Irland zu Besuch kam, fragte dieser Haughey beim Krimiautoren Frederick Forsyth („Der Schakal“) an, wie man den Heiligen Vater denn ab besten vor Anschlägen beschützen könnte. Daraufhin wurden die beiden dicke Freunde. Und als Forsyth, der ab 1980 in Irland lebte, sich seinerseits bei Haughey erkundigte, wie er seine Söhne vor Entführungen durch die IRA schützen könnte, gab ihm der Tee-Schock sein persönliches Ehrenwort, dass den Kids nichts passieren würde.

 

Daraus kann man nur schließen, dass Haughey bei den IRA-Terrortruppen bestens verdrahtet war, um es mal vorsichtig auszudrücken. Das ist ungefähr so, als wenn Bundeskanzler Helmut Schmidt einem nach Deutschland umgezogenen Forsyth in den frühen 1980er Jahren versprochen hätte, das die RAF die Finger von seiner Familie lassen würde. In Deutschland würde so eine Meldung Geschrei auslösen - hier werden die Verbindungen zwischen Politik und Terrororganisation einfach zur Kenntnis genommen. Vermutlich, weil alle so daran gewöhnt sind.

 

Das Thema IRA und ihre Nachfolgeorganisationen beschäftigt mich ohnehin. Einerseits, weil ich gerade an meinem ersten Krimi arbeite, der hier in Irland spielt. Und IRA-Leute sind erstklassige Verdächtige. Finster, schweigsam, undurchdringlich. Andererseits, weil das Thema IRA trotz Friedensabkommen vom Karfreitag 1998 keineswegs gut abgehangene Geschichte ist.

So wollte die Provisional IRA – die offiziell als militante Truppe gar nicht mehr existiert – den mutmaßlichen Mehrfachmörder Jock Davison im Sommer 2015 zu ihrem Chef machen, worauf hin der prompt erschossen wurde. Den Befehl dazu soll ein Kevin McGuigan gegeben haben – weil Davison ein Spion der Briten gewesen sein soll, der dafür sorgen sollte, dass die Provisional IRA Frieden hält und die Finger von den Bomben lässt. McGuigan ist inzwischen auch ermordet worden. Offiziell hat die IRA 2005 übrigens alle Waffen abgegeben. Kleine Wunder also, dass die hier nicht Politiker interviewen, sondern lieber Kühe shamponierende Bauern.

 

Irland ist anders. Ziemlich anders.

Last Updated on Sunday, 04 October 2015 10:36
 
Steile Lernkurve PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Wednesday, 23 September 2015 08:13

Charlesfort House from the lawn

 

Der olle Hubby war in Cambridge und ist es gewohnt, zu den cleveren Leuten zu gehören. Ich war bloß in München an der Uni, hielt mich aber bisher aber auch für einen der smarteren Kekse in der Dose. Diese Eigenwahrnehmung ließ sich bislang ganz gut aufrecht erhalten, egal, wo wir uns auch rumgetrieben haben. Doch das hat sich nun erledigt. Wir sind in Irland - und mit der Aufgabe betraut, Charlesfort soweit in Stand zu halten, dass irgendwann die kommende Generation übernehmen kann. Ein Haus von 1781 gehört einem nicht, man ist nur der Steward oder Major domus, der dafür sorgt, dass das Erbe weiter gegeben werden kann.

 

Um das zu tun, müssen wir viel lernen und zwar schnell. Torf stechen. Feuer machen. Neue Kabel verlegen. Steckdosen und Lampen anbringen, neue Armaturen installieren. Duschtüren einbauen. Kettensäge benutzen, um Holz zu machen. Garage und zwei Scheunen vom den Hinterlassenschaften der Generationen befreien. Dabei unterscheiden, was Wert hat und was getrost auf den Müll kann. Die Schafe vom Nachbarn wieder einfangen, weil irgendein Depp (im Zweifelsfall yours truly) ein Gatter aufgelassen hat. Den Garten umgraben und entscheiden, welche Pflanzen im kommenden Frühjahr schön oder nützlich sein werden – oder beides – und welche einfach Unkraut sind. Rosen kann ich erkennen, Margueriten und Lavendel auch, Efeu sowieso, ebenso Rosmarin, Thymian und Salbei. Was den Rest der Flora betrifft, bin ich ahnungslos. Auffahrt mähen. Motor-Trimmer bedienen. Herausfinden, welche Art von Sprit man in den Mäher kippt. Links Auto fahren und mit links schalten (hatte bisher immer ne Automatik im Linksverkehr).

 

Nun gut, letzteres kann zumindest der olle Hubby, der ist ja auch hier und in England groß geworden. Aber sonst - bei allen dieses Betätigungen ist jeder lokale Kartoffelbauer unendlich mal schlauer als wir. Und weil wir uns so vergleichsweise dusslig anstellen, sind die Leute hier sehr nett zu uns. Mit Trotteln hat man schließlich Erbarmen.

Don, der Nachbar, ein pensionierter Klemptner, hilft, wo er kann und leiht uns sein Werkzeug. Orville schaut regelmäßig vorbei, um zu kontrollieren, dass wir uns beim Kabel verlegen oder Bohren noch nicht elektrisiert oder anderweitig umgebracht haben. Die Verkäufer bei Archer's  - das ist der nächst gelegene Baumarkt in Ballina – lassen uns alles zurück bringen oder umtauschen, was wir in unserer Ahnungslosigkeit zu viel oder falsch gekauft haben. Vermutlichen lachen sie über den kleinen dicken Briten und seine deutsche Frau... und recht haben sie. Wir lachen ja selber.

 

Ich habe Freunde, die mich mehr oder minder verschleiert fragen, ob wir noch alle Tassen im Schrank haben und falls ja, warum wir uns so ein Projekt hier antun. Andere Freunde meinen, wir sollten eine Klinik für gestresste Manager aufmachen. Hier bitte mal 12 Stunden am Tag Beete umgraben und Schafe wieder einfangen, das beruhigt nach einem Burnout ungemein. Und wenn das Feuer zum dritten Mal wieder ausgegangen und das Haus saukalt ist, gibt es so einem hoch wichtigen Sales Executive (vulgo: der olle Hubby) doch recht schnell das Gefühl fürs Wesentliche zurück. Der Aktienkurs von VW oder der Crash in China rücken da schnell in den Hintergrund.

 

Zusammengefasst lässt sich sagen: Keiner ist überall schlau. Nette Nachbarn sind ihr Gewicht in Gold wert. Und nein, wir haben nicht alle Tassen im Schrank, die sind noch in einem Container auf einem Schiff, vermutlich irgendwo in Asien, Kurs auf Europa. Und Charlesfort wird auch uns überleben, wie schon die Generationen vor uns.

Last Updated on Wednesday, 23 September 2015 08:33
 
Aus der Zeit gefallen! PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Friday, 18 September 2015 08:51


Ich bin noch keine vier Wochen hier und schon habe ich die erste Einladung zum Tanz. Genau genommen ist es meine erste Einladung zu einem Tanz überhaupt. Abgesehen von ein paar wirklich völlig bescheuerten Karnevalsveranstaltungen war ich noch nie auf einem Ball!

Die protestantische Kirche im Nachbardorf Skreen bittet jeden Donnerstag abend zum Ballroom Dancing und mein Nachbar Orville hat mich gebeten, ihn doch bitte bei nächster Gelegenheit zu begleiten.

Orville ist irgendwo zwischen 70 und 80, hat einen Trekker, mit dem er durch die Gegend braust und einen dreibeinigen, irischen Schäfterhund namens Mary.

Mary ist ein Rüde.

Dass es ein Internet gibt, hat Orville vage mal gehört, hält solchen neumodischen Kram aber für ähnlich überbewertet wie Autos.

Leute wie Orville gibt es hier viele. Man kann in ihnen einsame alte Männer sehen mit wenig Geld. Oder aber Lebenskünstler, die das Beste aus den Gegebenheiten machen und sich in ihrer Erdverbundenheit nicht so ohne weiteres auf die teuren, anstrengenden, völlig abgedrehten, modischen Erfindungen der Neuzeit einlassen. Für Orville zählen seine Schafe, sein Dorf, seine Nachbarn, der Tanzabend in Skreen, Mary und das Wetter. Bei Regen ist es nämlich nicht so lustig, im Trekker rumzufahren. Auch muss man dann heizen und das bedeutet hier, einen Ofen mit Holz und Torf zu befeuern. Einfach nur die Zentralheizung anstellen, wie wir das so gewohnt sind, geht nämlich nicht.

Mangels Zentralheizung.

Das einzige Zugeständnis an das 21. Jahrhundert ist Orvilles Mobiltelefon. Kein Smartphone, das nicht. Aber eines, mit dem man die Nachbarn und den Tierarzt im Dorf anrufen kann. Ich bin nicht sicher, ob ich Orville um sein Gespür für Prioritäten beneiden oder Mitleid haben soll mit einem, der wie aus der Zeit gefallen ist.

Vermutlich beides.

Last Updated on Wednesday, 23 September 2015 11:45
 
Ganz schön wild PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Friday, 18 September 2015 08:37


Der Mensch ist schon seltsam in seinem Wunsch, alles zu kontrollieren.

Heute war es sonnig - eine Einladung, in meinem völlig überwachsenen Garten herumzuwühlen. Also habe ich aus einem meiner komplett zugewachsenen, diversen Beete alles herausgerissen. Pflanzen aller Art, Disteln, Löwenzahn, wild wuchernde Himbeersträucher und verwilderten Erdbeeren. Alles umgegraben, alte Wurzeln heraus gerecht. Und nachdem die Blumenzwiebeln fürs Frühjahr eingegraben waren, habe ich Wildblumen gesät.

Also – erst habe ich alles Wilde entfernt – und dann habe ich neu Wildes ins Beet gebettet. Aber Wildes wie ich es will. Wie schon gesagt: Menschen sind Kontrollfreaks. Oder bin nur ich so blöde?

Die meisten Leute sagen, sie mögen Natur. Bei genauerer Betrachtung stellt sich dann heraus, sie mögen gezähmte Natur. Sobald Spinnen, Schlangen, Schnecken und Unkräuter auftreten, ist es vorbei mit der Liebe zur Kreatur. Alles bitte „ganz natürlich“, aber mit Sicherheitsgurt und Reißleine.

Ich werde mindestens eine Beet sich selbst und der Natur überlassen – sozusagen als Brief an mich selber: Lass den Dingen auch mal ihren Lauf!

Als ich das beschlossen hatte, kam ein kleiner Frosch vorbeigehüpft. Kam mir vor, wie der

sprichwörtliche Wink mit dem Zaunpfahl.

Last Updated on Wednesday, 23 September 2015 11:46
 
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