„...und vor der Tür nichts als Schafe“


The Beast from the East PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Saturday, 03 March 2018 14:28

Feuer



Schnee können die nicht, die Iren.

Völlig unvorhergesehen ist es Winter auf der Nordhalbkugel, es schneit und auf den britischen Inseln bricht alles zusammen. Vor einer Woche begannen die Hamsterkäufe, dann haben sie die Flughäfen dicht gemacht und den Zug- und Busverkehr eingestellt. Nicht nur in Dublin, sondern auf der ganzen Insel.

Ahh, this weather is snow joke! (Laut lesen! Kapiert?)

Erst war es in der Tat noch lustig, das Touristenbüro für die hiesige Westküste zum Beispiel machte Werbung: „Come to Sligo, we still have bread!“ An der Ostküste waren da Backwaren schon ausverkauft, genauso wie Eier und Milch. Da kommen einem dann schon mal Kalauer in den Sinn: What do snowmen eat for lunch? Ice-bergers.


Langsam wird es jedoch langweilig, dass sie im Radio nur noch über das sibirische „beast from the East“ reden und darüber, wer haftbar ist, wenn vor dem Haus einer hinfällt und sich ein Bein bricht, weil der Hausbesitzer den Schnee nicht geräumt hat. Seit drei Tagen gibt es an der Westküste keine nationalen Zeitungen mehr, die werden einfach nicht mehr ausgeliefert. Post gibt es sowieso keine. Und unser Freund Orville hat wegen der Kälte die neugeborenen Lämmer in der Küche und ich weiß nicht, wer das anstrengender findet, Orville oder die Lämmer. Bei uns läuft der Ofen Tag und Nacht, die Häuser sind nicht für Temperaturen unter Null gemacht. Es wird Zeit, dass der Wind auf Süden dreht und die Witze sich so anhören:

How do you call an old snowman? Water.

Regen können die hier nämlich richtig gut.


Last Updated on Saturday, 03 March 2018 14:31
 
Nur Eejits haben keinen Respekt vor dem Meer PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Thursday, 22 February 2018 10:28

Meer



Je weniger Küste eine Gegend hat, desto begeisterter sind ihre Einwohner vom Meer. Das scheint die Faustregel zu sein, jedenfalls höre ich von vielen deutschen oder österreichischen Binnenländlern: „Am Meer leben! Wie toll. Das war immer schon mein Traum.“ Die Iren ziehen bei solchen Sätzen ironisch eine Braue hoch und halten sich den Hut fest: Es stürmt für gewöhnlich vom Atlantik her. Wenn es gerade nicht schüttet. Oder beides. Dann kommt das Wasser waagrecht. Am Wochenende stand daher in der Zeitung folgender Sparvorschlag: Wir schicken den kompletten Wetterdienst nach Hause. Motto: „Leute, wir sind in Irland. Irgendwo regnet es immer.“ Schuld daran ist natürlich: der Nordatlantik und die Feuchtigkeit, die er mit sich bringt.


In Irland gilt daher der Umkehrschluss: Das Meer ist für die Insulaner etwas, das man zu allem möglichen nutzt, nur nicht zum Spaß. Man geht fischen, hängt Hummertöpfe aus, gräbt im Sand nach Muscheln. Sammelt Algen, um sie als Badezusatz an die Touristen zu verkaufen. Oder um sie zu trocknen und Snacks draus zu machen. Dann wird das Zeug Carrageen genannt. Manche machen sogar Pudding aus Tang oder verbacken ihn zu Brot.


Viele Iren können übrigens nicht schwimmen, besonders nicht die Seeleute. So zum Beispiel Tom, unser Briefträger. Im Nebenjob fährt er zum Fischen raus und bringt mir im Sommer zusammen mit der Post die köstlichsten Krabbenscheren. Zwei Kilo für 10 Euro, Tom lässt sich nicht lumpen. Schwimmen kann er nicht und so neumodischer Kram wie Schwimmwesten stört beim Arbeiten. Toms lakonischer Kommentar zu meinem Vortrag über Arbeitsschutz: „Musst halt aufpassen.“ Gefolgt von der Frage: „Willste das Boot kaufen?“


So sind übrigens auch die bei den Touristen so beliebten Aran Sweater aus dicker irischer Schafwolle entstanden: Jede Fischerfamilie auf den Aran Islands hat ihr eigenes Muster. Wenn es beim Fischen einen Unfall gab und die Leiche wurde nach Tagen irgendwo angeschwemmt, konnte man sie an Hand des Pullovermusters identifizieren. Wer keinen Respekt vor dem Wasser hat, ist einfach ein Eejit, irisch für Idiot.


Ich stamme vom Bodensee, wo schon bei Windstärke drei die Sturmwarnung tut, als ginge gleich die Welt unter. Da lacht der Ire. Und zu Recht. Ich finde den Wind hier an der Küste belebend. Liebe die einsamen Strände und meine Strandspaziergänge, auch bei Regen. Und Toms frische Krabbenscheren. Wenn die See so richtig donnert, wird es in mir ganz ruhig. Das Meer ändert sich nicht. Es ist der Atem der Welt, Ebbe und Flut, rein und raus.

In alle Ewigkeit.


Last Updated on Thursday, 22 February 2018 10:32
 
Romantische Liebe auf Irisch PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Tuesday, 13 February 2018 17:24

Valentinstag#



Valentinstag droht und in Irland läuft „The Hucklebuck“ im Radio. Ole Hubby fängt an zu lachen und erklärt mir, dass dieser Song, der so ähnlich klingt wie der deutsche „Ententanz“ (und auch über ähnlich viel erotisches Potenzial verfügt), in Irland dekadenlang als Sexunterricht herhalten musste. Im Text heißt es: „you wriggle like a snake and you waddle like a duck, that's what you do when you do the Hucklebuck... and if you don't know how to do it you are out of luck.“

Kein Wunder, dass die hier oft mit 13 Kindern in Zwei-Zimmer-Cottages endeten.


Das mit der Liebe ist überhaupt so ein Ding in Irland. Stilbildend waren vermutlich die drei berühmtesten Liebesgeschichten des Landes. Die erste stammt aus dem 13. Jahrhundert. Da will der alte König Finn eine junge Braut freien, Grainne will allerdings nichts wissen von dem angejahrten Stinker, setzt die ganze Hochzeitsgesellschaft unter Drogen und brennt mit dem jungen Diarmuid durch, der ihr deutlich besser gefällt. Finn jagt die beiden dann durch ganz Irland und Schottland. Dass die Sache böse endet, versteht sich von alleine.


Die zweite ist die von William Butler Yeats und Maude Gonne vom Ende des 19. Jahrnunderts. WB war der irische Dichterkönig mit Nobelpreis und Maude die von ihm angebetete Gesellschaftsdame mit politischen Ambitionen. Alle traurigen Gedichte halfen ihm nichts … „tread softly, you tread on my dreams“ … Maude heiratete lieber den schmucken John, der sie gründlich unglücklich machte. Jahre später versuchte WB, Mauds Tochter rumzukriegen, die ihn ebenfalls nach Hause schickte, genau wie die Frau Mama. Am Ende tröstete sich Yeats mit gälischer Kultur, Magie und Feen-Geschichten.


Die dritte Story ist die vom „Ballroom of Romance“, ein Film aus den 1950er Jahren, in dem eine ältliche Jungfrau nur noch die Wahl hat, den Dorfsäufer zu heiraten oder unverheiratet bei ihrem schlecht gelaunten Vater zu bleiben und auf Zeitungsanzeigen wie diese zu antworten: „Bauer sucht Bäuerin mit Traktor. Bitte Bild vom Traktor schicken.“


Also ehrlich! Wie soll man romantische Gefühle entwickeln in einem Land, in dem Liebe immer tragisch endet? Aber egal, wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Schon gar nicht das Herz der Angebeteten. In diesem Sinne:

Happy Valentine's Day!

Last Updated on Tuesday, 13 February 2018 17:29
 
Wahnsinnig ansteckend PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Sunday, 11 February 2018 15:52

Regenbogen


Geht ihr manchmal in dieses Pub?“, tönt die Frage vom Rücksitz. Dort sitzen TJ und seine Frau, wir sind auf dem Rückweg vom Kino. Ole Hubby fährt durch Nacht und Wind an der Kneipe „Muddy Burns“ vorbei.

„Ja, die haben Life Music, Sonntag abends“, bestätige ich.

„Genau… und ein Gespenst im ersten Stock“, sagt TJ, so unberührt, als würde er davon reden, dass der Bauer einen Hund hat.


Es geht auf Mitternacht zu und ich denke: Daher weht der Wind! Geisterstunde. TJ macht Witzchen. Also sage ich: „Aha. Und was macht das Gespenst so?“

„Es spukt natürlich. Harry hat es in der Wohnung da oben nur ein Jahr ausgehalten. Dann musste er ausziehen. Er konnte es nicht aushalten mit dem Spuk.“ TJ ist von meinem Sarkasmus offensichtlich völlig unbeeindruckt.

Ich versuche es also sachlich: „Was genau macht denn ein Gespenst, wenn es spukt?”

Also, wenn du das genau wissen willst, musst du den alten O'Brien fragen, der lebt schon seit Jahren mit einem Gespenst im Haus.“

Du solltest nicht so böse über die gute Frau O'Brien reden!” Mein Schwerz verhallt ebenso wie mein Sarkasmus.

Im Ernst”, sagt TJ. “ O'Brien hat den Raum mit dem Gespenst drin abgeschlossen und geht niemals rein. Denn da sitzt der Spuk.

Gespenster können aber doch durch Wände gehen, was nutzt es da, die Türen abzuschließen?“

Ja, das behaupten sie im Kino und Fernsehen, dass Gespenster durch die Wände gehen! Das stimmt aber nicht. Gespenster sind ortsgebunden.“

Darauf ich: „In der Realität können Gespenster also gar nicht durch festes Material dringen?“

Ich fange an zu lachen, habe ich doch die Worte „Realität“ und „Gespenst“ in einem Satz verwendet. Womit die These belegt ist, dass Wahnsinn um Mitternacht so ansteckend ist wie Schnupfen in einer vollen S-Bahn.


Hatschi! Und willkommen in Irland, wo einerseits Facebook, Google oder Paypal ihre Europazentralen haben und die Insel wirtschaftlich zu einer der am schnellsten wachsenden Regionen Europas machen. Wo Schwulenehe normal ist, die Abgabe von Gratisplastiktüten verboten und der Regierungschef Sohn eines indischen Einwanderers. Und wo andererseits die Bauern seit Jahrhunderten um vereinzelt stehende Bäume herum pflügen, um die Feen nicht zu stören, die in solchen Bäumen leben. Wo die Leprechauns am Ende des Regenbogen einen Pot mit Gold versteckt haben. Wo der siebte Sohn eines siebtens Sohns magische Heilkräfte hat und Bauherren vor Beginn eines Neubaus über Nacht Kiesel in der Form des geplanten Hauses aufs Feld legen. Gebaut wird nur, wenn die Steinchen morgens noch unberührt daliegen. Sind sie verschoben worden, führt hier ein magischer Pfad entlang. Den mit einem Gebäude zu blockieren, bringt Unglück. (Auch wenn nur ein Schaf mit Schlafstörungen nachts über die Steine gestolpert ist.)


Glaubst du an Feen?“

Fragt man Leute wie TJ, sagt der: „Nein, natürlich nicht.“

Würde er einen Feenbaum umsägen, um das Pflügen leichter zu machen?

Nie im Leben!“


Last Updated on Sunday, 11 February 2018 15:57
 
Schreiben oder leben? Vom Schreiben leben. PDF Print E-mail
Written by Bierach   
Wednesday, 31 January 2018 17:08


Goldene Blogger


„Worüber bloggst du eigentlich?“

Am Montagabend wurden in Berlin die Goldenen Blogger für das abgelaufene Jahr verliehen und ich war in der Kategorie „Tagebuch“ nominiert.

Da stand ich nun auf der Bühne mit Internetguru Thomas Knüwer, der mich interviewte, und stammelte. Das ist nämlich eine gute Frage: Worüber blogge ich eigentlich?

Genau genommen über das Staunen, was das Leben im Allgemeinen und das in Irland im Besonderen mir immer wieder abringt. Je älter ich werde, desto mehr staune ich.


So genau wollte Thomas es gar nicht wissen, aber für mich steht hinter seiner Frage eine viel tiefergehende: Warum schreibt jemand überhaupt, wo doch Bilder angeblich tausend mal mehr sagen als Worte? Wäre ich also besser Fotografin geworden?


Ich schreibe diesen Blog, um die Nebel der Gedanken zu lichten, Ordnung zu bringen in all die Dinge, die mir im Lauf der Zeit so durch den Kopf jagen. So wie Kleist die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden pries. Aber Kleist war auch Kleist und ein Genie und ich bin nur Bierach – reden reicht bei mir nicht, ich muss alles aufschreiben. So ganz für kleine Geister.


Leider lautet dabei die Alternative: leben oder schreiben. Man könnte die an der Tastatur verbrachte Zeit ja auch für etwas anderes aufwenden und am Leben teilhaben. Klavierspielen. Am Strand spazieren gehen. Im Garten herumgraben. Doch das geht nicht, wer schreibt, nimmt gerade nicht am sonstigen Geschehen teil und wer lacht, kocht, musiziert oder am Meer spazieren läuft, kann nicht gleichzeitig schreiben. Schon wegen dem Sand am Strand. Wenn der in der Tastatur landet, ist es ganz schnell vorbei mit dem Getippe.


Irgendwann habe ich mich entschlossen, den Konflikt aufzulösen, anderweitige Arbeit zu vermeiden und vom Schreiben zu leben. Bin Journalistin geworden. Und Krimiautorin. (Der zweite Band meiner Emma-Vaughan-Reihe „Schweigegelübde“ erscheint am 9. März. Wieder bei Ullstein.)


Auf der Bühne konnte ich all das so schnell nicht sagen. Ich hatte also keine Antwort für Thomas und mein Gesicht auf den Fotos von der Veranstaltung spricht ja auch Bände.


Schweigege

Last Updated on Wednesday, 31 January 2018 17:42
 
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